Versucht ihr auch, durch bewusstes Kaufen euren Beitrag zum Abwenden der Klimakrise zu leisten? Und seid ihr genauso verunsichert wie wir, wenn ihr euch durch die Supermarkt- oder Drogerieregale bewegt? „Gibt’s das auch in Grün“ will bei der Orientierung helfen und spart auch nicht mit erhellenden Wahrheiten. Anika von der Klimabuchmesse hat das Buch gelesen und für uns rezensiert.

Haben wir die Welt etwa noch nicht gerettet?

Wer sich heutzutage durch endlose Regalreihen treiben lässt, könnte meinen, wir hätten die Welt längst gerettet: Verpackungen sind zu 100 % recycelt, selbst Mineralwasser gibt es in Bio-Qualität, Milch ist klimaneutral. Wie gerne würden wir die leisen Zweifel abschütteln, die uns befallen, angesichts der glatten Versprechen auf Cremes, wie gerne würden wir die Assoziation von Mikroplastik abschütteln, die sich da anheften, sobald wir zu Kosmetika, Wasch- und Reinigungsmitteln greifen und daran glauben, dass 100 % saubere Energie, wie versprochen, aus der Steckdose fließt.

Die Autorinnen: Liefern ein fundiertes ÖKO-TEST-Buch

Kerstin Scheidecker und Katja Tölle sind Chefredakteurin und stellvertretende Chefredakteurin beim Label und Magazin ÖKO-TEST. Seit über 20 Jahren ist Kerstin Scheidecker dabei und so hat sie 2022 die Leitung des von ÖKO-TEST übernommen. Beide geben Verbraucher*innen mit ihrem Buch eine fundierte Orientierung und machen diese ein Stück weit mündiger gegenüber den blendenden Werbeversprechen.

Die Inhalte: Kurzweiliges Hintergrundwissen zu Alltagsthemen

Hierzu behandeln sie die Schwerpunkte Regionalität von Produkten, Wasser, tierische Produkte, Soja, Kosmetik, Mikroplastik, Wasch- und Putzmittel, sowie Fast Fashion und Ökostrom.

Das Buch vermittelt kurzweilig Hintergrundwissen zu all den Alltagsthemen und geht abschließend, kurz und bündig, jeweils auf die Frage ein: „Gibt’s das auch in Grün?“. Verbraucher*innen erhalten nicht nur Hinweise, worauf sie beim Einkauf achten können und was sie sich möglicherweise auch sparen können. Das Buch gewährt auch ein Blick hinter die Kulissen von ÖKO-TEST.

Ziel des Buches: Aus Konsum folgt Verantwortung

Die Autorinnen möchten dabei nicht darüber hinwegtäuschen, dass Politik und Industrie das Ruder in der Hand halten. Wohl aber können Verbraucher*Innen nicht nur für ihre eigene Gesundheit Verantwortung übernehmen. Wer sich dagegen entscheidet, glitzernden Lippenstift zu kaufen, für den mitunter Kinder in indischen Minen arbeiten, wer, dank besseren Wissens, Ketchup ablehnen kann, für den Zwangsarbeiter in China die Tomaten anbauen oder Lebensmittel, die dafür sorgen, dass deren Anbauländer austrocknen, der ist nicht nur mündig, sondern auch ein durchaus einflussreiches Sandkorn im Getriebe.

Leseempfehlung: Nichts für schwache Nerven

Alles in allem kann man wahrscheinlich kaum ein alltagsrelevanteres Buch lesen als eines, in dem es um unsere Ernährung, Wasch- und Putzmittel, um Kosmetik und Kleidung à la Fast Fashion und Ökostrom geht.

Für all die Alltagsbereiche gibt der Ratgeber praktische Tipps. Trotzdem, für schwache Nerven ist es nichts. Hinterlässt es doch das unsichere Gefühl, überall von Schadstoffen, Umweltsünden wie umweltgefährdenden Mittelchen und Werbegeflunker umgeben zu sein. So konfrontieren uns K. Schneidecker und K. Tölle mit so bitteren Wahrheiten, wie:

„(…) dass Crémes – Überraschung – Falten nun einmal nicht wesentlich wegzaubern können,
tierische Bestandteile in pflanzlichen Lebensmitteln nicht eindeutig als solche gekennzeichnet sein müssen,
vergammelter Tomatenabfall, der sich hierzulande nicht mehr verkaufen lässt, eingefärbt in Afrika landet, wo er Bäuerinnen und Bauern vor Ort die Lebensgrundlage entzieht,
oder dass die in Monokultur hochgezogenen Erdbeeren in Huelva, Spanien, dem Nationalpark das Wasser abgraben und so seltene Tierarten gefährden.
Dies sind nur ein paar der erschreckenden Hintergründe, über die nett bedruckte Verpackungen hinwegtäuschen möchten.“

Diese bitteren Realitäten werden nur bedingt durch die Tipps der Autorinnen in den Abschnitten „Gibt’s das auch in Grün?“ eingeholt. Und so wünscht man sich als Verbraucher*in doch auch eine Liste und Anleitung für politische Forderungen, ohne die solche dramatischen Missstände nicht von der Wurzel her verbessert werden können.

Neben den „„Gibt’s das auch in Grün?“-Abschnitten und den „Autsch“-Passagen, die besonders bittere Wahrheiten aufzeigen, gibt es informative Überblicke zu den ÖKO-TEST-Ergebnissen und „Inside ÖKO-TEST“-Abschnitte mit interessanten Anekdoten, die natürlich ein Loblied auf ÖKO-TEST darstellen.

Fazit

Obwohl das Buch übersichtlich aufgebaut ist, würde es die eine oder andere praktische Zusammenstellung noch mehr zu einem Wegweiser beim Einkaufen machen, bspw. angesichts der zahlreichen im Buch beschriebenen chemischen Inhaltsstoffen, die bedenklich bis unbedenklich sind. Wer merkt sich schon Sodium Laureth Sulfate, Lilial: Butylphenyl Methylpropional, Benzisothiazolinon (BIT), Methylisothiazolinon (MIT), oder Chlormethylisothiazolinon (CIT). Auch wenn die aufgelisteten Siegel hierzu ein guter Einkaufskompass darstellen, ist deren Wiedererkennungswert ohne zugehörige Logos ebenfalls im drängenden Supermarktdschungel sicherlich gering.

Insgesamt gibt es jedoch wahrscheinlich kaum einen dichteren, unabhängigen Einkaufsratgeber, der Verbraucher*innen mündig und kompetent macht. Das Buch gibt uns allen Hausaufgaben auf und auch Macht, auch wenn es nur die eines Sandkorns im Getriebe ist.

„Gibt’s das auch in Grün?“ von Kerstin Scheidender und Katja Tölle ist 2024 beim Campus-Verlag erschienen. In der Leseprobe könnt ihr einen Blick ins Buch werfen.

Weitere Klimabuch-Tipps findest du in unserer Klimabuchliste.