Was bleibt, wenn der letzte Kohlezug abgefahren ist? Bertram Weisshaar legt mit im Oekom-Verlag erschienenen Buch „Letzte Kohle. Andere Landschaften“ ein Werk vor, das sich jeder einfachen Kategorisierung entzieht: Es ist historisches Sachbuch, aktivistischer Essay und künstlerische Dokumentation zugleich. Das Thema – der Braunkohletagebau und seine Folgen – offenbart in Ost und West verblüffende Ähnlichkeiten. Die Zeit nach der Wende offenbart die gleichen Probleme eines nun geeinten Deutschlands dessen Mitte durch den Braunkohleabbau zerlöchert war bzw. immer noch ist. Weisshaar schreibt dabei nicht als distanzierter Chronist, sondern verwebt die Bergbaugeschichte untrennbar mit persönlichen Erlebnissen und künstlerischen Interventionen. Durch eine langsame Annäherung – von der Spaziergangstheorie über die Technik- und Entwicklungsgeschichte bis hin zu den ökologischen Sackgassen der Gegenwart – fächert er das Thema detailliert auf.
Im ersten Kapitel, „Übersehene Landschaften“, führt Weisshaar seine Methodik ein: die „Spaziergangstheorie“ nach Lucius Burckhardt. Er begreift Landschaft nicht als statisches Bild, sondern als etwas, das erwandert werden muss, um es überhaupt erkennen zu können. Weisshaar nutzt die Metapher des „latenten Bildes“ aus der Analogfotografie:
„Dieses ist aber für das Auge noch nicht erkennbar – sichtbar für das Auge wird die Fotografie erst durch den Entwicklungsprozess […genau wie…] die beschriebene Landschaft auf dem Grubengrund Golpa-Nord (…): Sie war längst da, wurde aber lange nicht gesehen.“
Der Autor Weisshaar fungiert hier als „Entwickler“, der auch die „Zwischenlandschaft“ – den Ausnahmezustand zwischen Bergbau und der danach fast immer eintretenden Flutung für die Lesenden erlebbar macht. Dabei verfängt er sich aber nicht in einer Ästhetisierung, sondern spart auch nicht mit Kritik am Raubbau an der Natur, wenn er die gängigen Begriffe der Energiegewinnung (Abwärme, Abluft, Abwasser, Abfall und Abrieb) hinterfragt:
„Vielleicht also besser: Dawärme, Daluft, Dawasser, Dafall, Darieb? All das, was Ab ist, bleibt ja dennoch bei uns, in unserem terrestrischen Treibhaus.“
Das zweite Kapitel, „Von den Erdkohlen gegen ‚Holznoth‘ zum Ölpreisschock“, bietet einen historischen Überblick über die Reviere (Rheinland, Mitteldeutschland und Lausitz). Weisshaar spannt den Bogen von der frühen „Holznot“ bis zur heutigen Notwendigkeit nachhaltiger Ressourcennutzung. Besonders eindrücklich ist die Dokumentation der „Folgelandschaften“. Während im Westen Restlöcher oft als „unberührte Natur“ vermarktet werden, entlarvt Weisshaar die Absurdität dieser Erzählung.
Im dritten Kapitel, „Andere Landschaften“, wird das Buch politisch und visionär. Weisshaar thematisiert einerseits die Sehnsucht nach der „Wüste“ und fordert die Gestaltung der Gruben als aufregendste Kulturlandschaft bzw. mit angepasster Nutzung durch erneuerbare Energien, Paludikultur oder als natürliche Rückzugsorte, die sich selbst überlassen werden sollten. Andererseits zeigt er aber auch, dass diese Ideen – obgleich sie immer wieder gedacht wurden – bereits mehrfach an der Realität scheiterten, weil fast immer ein schneller Umbau, eine Tilgung des offensichtlichen Raubbaus an Ressourcen und Natur, stattfinden sollte. Dementsprechend wurde bei fast allen Tagebauen die Flutung und Umwandlung zu Seengebieten als die einzig (wirtschaftlich) sinnvolle Folgenutzung geplant. Dabei zeigten sich die Probleme dieser scheinbar einzig sinnvollen Idee mehrfach und relativ zeitnah: Viele Grubenwände sind instabil, können jederzeit abrutschen und zu Flutwellen und Zerstörung führen (was auch bereits mehrfach geschah). Die Flutungen haben zugleich immensen Einfluss auf den Wasserhaushalt der gesamten umgebenden Region, sowohl grundsätzlich durch das Abzapfen der umgebenden Flüsse als auch durch den Eintrag von Stoffen, die vorher unter dem Grundwasserspiegel lagen, beispielsweise die „Verockerung“ von Flüssen und Pflanzen durch aufgestiegenes und ausgewaschenes Eisenhydroxid, das ganze Landstriche (für Menschen) unnutzbar machen kann.
Im Abschlusskapitel „Nach dem letzten Kohlenzug“ wird Tacheles geredet. Weisshaar bezeichnet es als Skandal, dass trotz Milliarden an Strukturfördergeldern kaum Qualitätsansprüche an die Gestaltung der Folgelandschaften gestellt werden. Er kritisiert die „Harmonisierung“, welche die Geschichte der Landschaft auslöscht:
„Für kommende Generationen wird jedoch ebenfalls von Bedeutung sein, dass die Grenzen zwischen ‚bergbaulich beanspruchtem Land‘ gegenüber dem ‚unverritzten‘ natürlich gewachsenen Boden in der Landschaft ablesbar bleiben. Das Prinzip ‚harmonisch‘ löscht aber diese Lesbarkeit.“
Eindringlich warnt er vor dem „Schwarzen Elefanten“: Was passiert, wenn Konzerne wie RWE oder LEAG insolvent gehen, bevor die Ewigkeitskosten gedeckt sind? Sein Plädoyer ist klar: Die Gründung von Bergbaufolgestiftungen, die dem Gemeinwohl verpflichtet sind, statt die Sanierung Firmen zu überlassen, die das Thema nur möglichst kostengünstig beenden wollen.
Einziger Wermutstropfen ist das physische kleine Format durch das die Wucht mancher Fotografien fast verloren geht Diese faszinieren, weil sie einerseits erschrecken durch ihren Blick in die Abgründe, die Löcher, die durch den Tagebau in die Erde gerissen wurden, andererseits werden Bilder voller Schönheit und einer besonderen Ästhetik gezeigt, wenn man zarte Gräser inmitten der mondartigen Wüstenlandschaft sieht und wie die Natur diese von Menschen zerstörten „verritzten“ Landschaften zurückerobern kann. Die Bilder hätten eine Galerie oder einen großformatigen Bildband verdient. Dennoch ist Weisshaars Buch ein unverzichtbares Dokument für jeden, der diese besonderen Landschaften verstehen will, der begreifen möchte, welche Wunden wir der Erde gerissen haben, warum dies geschah und wie schwierig – und politisch brisant – der Versuch ist, diese Narben zu heilen, ohne die Geschichte gleichzeitig zu tilgen. Ein Buch, das dazu zwingt, genau hinzusehen, wo viele am liebsten wegschauen und vergessen würden.
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Rezensiert für die Klimabuchmesse hat „Letzte Kohle. Andere Landschaften – Zum Ende der Epoche Braunkohleabbau in Deutschland“ Inger Holndonner.
„Letzte Kohle. Andere Landschaften – Zum Ende der Epoche Braunkohleabbau in Deutschland“ von Bertram Weisshaar, oekom verlag, 2026, 256 Seiten, ISBN: 978-3-98726-518-1
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