Der Titel „Beim Anschüren des Eisvogels“ – Lyrik pur. In vier Worten stellt der Autor Leonhard Seidl nur vordergründig die Elemente Feuer und Wasser gegenüber, eigentlich schafft er gleichzeitig eine Verbindung durch das Element Luft ohne das ein Anschüren gar nicht funktioniert und der Eisvogel nicht fliegen könnte.

Seidl greift das Bild des „Eisvogels“ in seinem Sammelband mit Nature-Writing-Texten, der 2025 im Killroy Media Verlag erschien, bewusst auf. Dies macht er durch den vorangestellten Gedichtanfang aus „Stimmen“ von Paul Celan deutlich: Der Eisvogel taucht ein und die Sekunde sirrt… Die ersten Geschichten im Buch erscheinen folgerichtig wie eine Ausarbeitung des Gedichts – und der Natur in unterschiedlichen Formen. Den Anfang macht – das erscheint nur zuerst wie ein Bruch mit der lyrischen Sprache – ein Krimi, der mit Kurzberichten, gehetzten Dialogen und in Drehbuchmanie erzählt und dabei bis zum Ende spannend bleibt. Hier zeigt der Autor, dass er auch dieses Metier vollendet beherrscht, seine Krimis sind dabei zwar massentauglich, aber nie unpolitisch. Die zweite Geschichte nimmt das Motiv des Bogenschießens aus der ersten Erzählung auf, führt sie aber als eine Art inneren Monolog über Ziele(n) im Leben aus, während der dritte Text den natürlichen Tod von Lebewesen als eine Momentaufnahme beschreibt.

Diesen ersten drei fiktionalen Erzählungen folgen tagebuchartige Texte über das Leben im Taubertal und dem grenzüberschreitenden Nationalpark Thayatal-Podyji, die zwischen literarischem Wanderführer und intertextueller, schmerzhaft-trauriger Selbstoffenbarung über seine Trennung changieren. Überhaupt arbeitet der Autor durch das Einweben von Zitaten gerne mit Intertextualität und verknüpft so seine Erzählung mit denen der anderer Literaten vor ihm. Dazwischen liest man die Miniaturerzählung „Stibitzt“ über einen Zimmermann – eine Sage von früher oder doch von heute?

In seinem Text über den Nationalpark Thayatal-Podyji werden auch kurze Anekdoten nacherzählt, die dem Autor zugetragen wurden, vor allem über die Zeit der Ost-West-Grenze und ihrer Öffnung an einem Ostersonntag und dabei trifft man immer wieder auf den Eisvogel:

„Da sehe ich ihn erneut: Der scheue Eisvogel gleitet pfeilgerade in der Flussmitte, auf der Staatsgrenze, über die Wasseroberfläche.“ (S. 65)

Danach folgt der Essay „Barfuß am Himmel schlendern – Vier Thesen zu Tradition und Gegenwart des Nature Writing“. Seidl informiert über die meditative, rezipierende Schreibpraxis, die Interdiszipinarität der Gattung, die britischen und amerikanischen Ursprünge und seine Renaissance im New Nature Writing (das sich kritisch gegen die Trennung von Natur und Kultur wendet) und die fehlende bzw. „gebrochene deutsche Nature Writing Tradition“ (S. 82). Dabei liefert er sowohl eine Definition für das klassische Nature Writing, das

„(…) sich also durch eine Ich-Perspektive aus[-zeichnet], die in einem literarischen Essay versucht, aus einer persönlichen Resonanz, Erfahrung und Erkenntnis in der Natur heraus, sich mit interdisziplinärem Wissen der Verschriftlichung von Natur anzunähern“ (S. 71),

verhandelt neue Definitionen, wie diejenige von Draesner des „Natur-Schreibens“, bei dem man sich in einem Kreislauf zwischen Subjektivierung und Objektivierung der Natur bewege, und erläutert seine eigene Poetik: So versuche er, die „eskapistischen Fehler einer white supremacy“(S.85) nicht zu machen, weder zu glorifizieren noch zu nationalisieren (wie in der Romantik) und statt dessen arbeitet er eher mit Brechung und öffnet einen breiteren Raum, indem er sich in seinen Texten auch auf indigenes und internationales Wissen bezieht. Für Seidl geht im Nature Writing Schreiben und Natur eine Symbiose ein, in der sich die Wahrnehmung verändert:

Es geht darum, in die Natur zu gehen, diese Erfahrung zu verschriftlichen und literarisch zu gestalten und diese Erfahrung auf die Lesenden zu übertragen. So kann Nature Writing eine »naturkulturelle Revolution « anstoßen oder begleiten, im Sinne einer Avantgarde, die eine Vermittlerfunktion zwischen Natur und Gesellschaft einnimmt, damit die Gesellschaft wieder lernt, sich als Teil der Natur zu begreifen, oder diese Dichotomie sogar auflöst.“ (S. 87)

Im sich anschließenden Kapitel „Kopfunter am Himmel laufen“ nimmt der Autor nun die vorgestellten Thesen auf und verknüpft sie mit seinen eigenen Nature Writing-Erfahrungen sowie weiteren Quellen für seine Inspiration.

Die das Buch abschließende Kurzgeschichte „Die Wand reloaded“ ist eine hommage an die Schriftstellerin Marlene Haushofer anlässlich ihres 100. Geburtstages und erzählt ausgehend von Zitaten aus dem Roman Die Wand über den Haselkar im Nationalpark Gesäuse und das Fehlen bzw. Vorhandensein von Liebe.

Das Buch ist eine Zusammenstellung von Texten, die in sieben Arbeitsstipendien in unterschiedlichen Räumen – Nationalparks wie beispielsweise Thayatal/Podyji und Kulturdenkmäler wie die Burg Abenberg – entstanden und alle für sich stehen könnten. Hier werden sie in einem äußerst schön-illustrierten Rahmen präsentiert und mittels einer bewussten Poetik miteinander verbunden, wodurch ein Grundlagenwerk über und durch Nature Writing entsteht.

Natürlich eine Empfehlung!

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Leonhard F. Seidl: Beim Anschüren des Eisvogels – Nature Writing oder vom Schreiben aus dem Gelände
2025, 120 Seiten, ISBN 978-3-931140-73-1

Rezensiert von Inger Holndonner

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