Wie lange können wir angesichts der Biodiversitätskrise noch die Augen verschließen? Wie lange lassen wir zu, dass in Deutschland täglich Flächen in der Größe von etwa 70 Fußballfeldern der Natur entrissen und neu versiegelt werden? Oder dass die industrielle Landwirtschaft mit Pflanzenschutzmitteln Insekten vergiftet, mit Düngemitteln Gewässer und Grundwasser belastet und zugleich wilde Pflanzen- und Tierarten verdrängt oder auslöscht? Eine Landwirtschaft, die darüber hinaus globale Ungleichheiten vertieft, damit wir hier im Überfluss konsumieren können. Ja, wir können all das ignorieren – doch der Preis dafür wird in Zukunft immer weiter steigen.
Es ist höchste Zeit, für den Erhalt unserer ökologischen Lebensgrundlagen einzustehen und sich dem „Manifest für eine ökologische Gesellschaft“ anzuschließen – einem gemeinsamen Werk der Biologin Katrin Böhning-Gaese, dem Juristen Jens Kersten und dem Wissenschaftshistoriker Helmuth Trischler, das im Verlag Klett-Cotta erscheinen ist.
Biodiversitätskrise als Krise der Wahrnehmung
Es ist inzwischen allgemein bekannt: Wenn wir als Spezies überleben wollen, müssen wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen bewahren. Und doch geschieht trotz der regelmäßigen Warnungen des Biodiversitätsrates (IPBES) viel zu wenig gegen den Biodiversitätsverlust. Offenbar handelt es sich nicht nur um eine ökologische, sondern vielmehr um eine Wahrnehmungskrise – eine Krise unseres Verhältnisses zur Natur.
„Die Biodiversität wird in unserem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem (bisher) kein gesellschaftlicher oder ökonomischer Wert zugemessen, obwohl Ökosystemdienstleistungen insbesondere im Wirtschaftssystem einen unschätzbaren Wert haben.“
Die Folge: Wir verlieren kontinuierlich und unwiederbringlich unsere biologischen Lebensgrundlagen. Schätzungsweise sterben 150 Arten täglich aus – und mit ihnen genetische Vielfalt sowie ganze Ökosysteme. Der Mensch trägt dafür die Verantwortung.
Eine biodiverse Gesellschaft gestalten
Die Autoren des Manifests schlagen einen neuen Gesellschaftsvertrag zur Rettung der Biodiversität vor. Dieser soll die „menschliche Hybris“ korrigieren und eine „konviviale Existenz“ von Mensch und Natur begründen und festigen. Grundlage dafür bildet ein „konviviales Nachhaltigkeitsprinzip“, das unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche einbezieht.
Da die Natur in einer solchen biodiversen Gesellschaft eine zentrale Rolle spielt, wird sie als kritische Infrastrukturbetrachtet – neben der sozialen und der technischen Infrastruktur. Gemeinsam sichern sie unsere Daseinsvorsorge.
Eine biodiverse Gesellschaft zeichnet sich zudem durch eine nachhaltige Verfassungsordnung aus, in der die Rechte der Natur ebenso verankert sind wie die Rechte zukünftiger Generationen auf eine intakte Umwelt. Biodiversität soll sowohl im Vorfeld als auch während gesetzgeberischer Prozesse vertreten und geschützt werden. Der Natur wird mithilfe einer vorgesehenen „Biodiversitätsanwaltschaft“ sogar eine eigene Rechtspersönlichkeit verliehen:
„Nur wer über Rechte verfügt, der wird im demokratischen Prozess auch politisch wahrgenommen, weil es dessen Ergebnis verfassungsrechtlich überprüfen lassen kann.“
Darüber hinaus plädieren die Autoren für eine „sozial-ökologische Transformation des Eigentums“:
„Es ist die Aufgabe des demokratischen Gesetzgebers, den Inhalt und die Schranken des Eigentums so zu fassen, dass nicht nur der Sozial- sondern auch der Ökologiepflichtigkeit des Eigentums im Sinn des Allgemeinwohls der biodiversen Gesellschaft Rechnung getragen wird.“
Die Konvivialität mit der Natur zeigt sich auch in einer Wirtschaftsweise, die ökologische und wirtschaftliche Ziele miteinander in Einklang bringt. Sie setzt etwa auf geschlossene Ressourcenkreisläufe und berücksichtigt die Kosten des Naturverbrauchs in ihren Bilanzen auf der Angebotsseite. Zugleich hinterfragt sie auf der Nachfrageseite den überflüssigen Konsum. Zudem verabschiedet sie sich von einem Finanzkapitalismus, der von der Realwirtschaft entkoppelt ist und unsere biologischen Lebensgrundlagen zusätzlich gefährdet.
Recht auf Zukunft und gesellschaftliche Teilhabe
Nicht zufällig knüpft das „Manifest für eine biodiverse Gesellschaft“ an das „Kommunistische Manifest“ des 19. Jahrhunderts an, in dem Friedrich Engels und Karl Marx bereits auf die Zerstörung der Natur durch den Kapitalismus hingewiesen haben. Wenn Biodiversität auch heute noch dem kurzfristigen Profitstreben geopfert wird, bedeutet dies zugleich einen Verrat am Menschenrecht auf ein würdiges Leben in der Zukunft. In diesem Sinne wirkt das Manifest wie ein Warnruf.
Ähnlich wie das Bundesverfassungsgericht in seinem Klimabeschluss von 2021 jungen Menschen und zukünftigen Generationen ein Recht auf „intertemporale Freiheitssicherung“ zusprach, lässt sich auch ein Recht auf Biodiversität begründen:
„Denn ökologische Entscheidungen, die wir heute treffen, können nicht nur die Freiheit, sondern auch die Gleichheit und die gesellschaftliche Teilhabe von jungen Menschen und künftigen Generationen gefährden und verkürzen.“
Zugleich richtet sich das Manifest an uns alle – an Bürgerinnen und Bürger, die ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen müssen, statt sie jenen Kräften zu überlassen, die unsere natürlichen Lebensgrundlagen aus eigennützlichen Interessen heraus zerstören.
Die Welt neu verzaubern
In Antwort auf Max Webers These von der „Entzauberung der Welt“ durch moderne Naturwissenschaft und Technik plädieren die Autoren für eine „Neuverzauberung der Welt“:
„Seither sind gut einhundert Jahre vergangen, in denen der Mensch die Technosphäre auf Kosten der Biodiversität rasant ausgebaut hat und zum dominanten geologischen und ökologischen Akteur geworden ist. Heute gilt es mehr denn je, inter- und transdisziplinäres wissenschaftliches Wissen, lokales und indigenes Wissen sowie das Wissen der Arten miteinander zu verbinden, um eine Neuverzauberung der Welt zu ermöglichen.“
Angesichts der heutigen geopolitischen Lage wird es nicht leicht sein, die im Manifest formulierten Forderungen umzusetzen. Dennoch kann dieses Buch einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass die Menschheit vielleicht früher als gedacht beginnt, ihr „gesellschaftliches Zusammenleben mit der Natur verantwortlich zu gestalten“.
Wünschen wir uns von Herzen, dass dies möglichst bald geschieht.
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Katrin Böhning-Gaese, Jens Kersten, Helmuth Trischler: Rettet die Vielfalt, Manifest für eine biodiverse Gesellschaft. Klett-Cotta, 17.05.2025,
208 Seiten, ISBN: 978-3-608-96649-7
Rezensiert von Anetta Ewa Trojecka
Hier geht es zum Verlag Klett-Cotta und zur Leseprobe.
