Zwischen Konsens und Konflikt
In der Wissenschaft besteht inzwischen weitgehend Einigkeit darüber, dass moderne Gesellschaften einer tiefgreifenden sozial-ökologischen Transformation bedürfen, deren Dringlichkeit immer stärker betont wird – zugleich hat sich dieser notwendige Wandel in den vergangenen Jahren zunehmend zu einem gesellschaftlichen Konfliktfeld entwickelt.
Auf der Grundlage einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage von 2021 analysieren die Mitglieder der Forschungsgruppe „flumen“ der Uni Jena – Dennis Eversberg, Martin Fritz, Linda von Faber, Matthias Schmelzer – in ihrem im Campus Verlag erschienenen Buch „Der neue sozial-ökologische Klassenkonflikt. Mentalitäts- und Interessengegensätze im Streit um Transformation“ aus soziologischer Perspektive die gesellschaftliche Landschaft, deren verschiedene Mentalitäten und Interessen und stellen heraus, woran die Transformation aktuell zu scheitern droht.
Die These: Ein neuer sozial-ökologischer Klassenkonflikt
Im Zentrum des Buches steht die These, dass
„sich die Gesamtheit der Auseinandersetzungen um Transformation als ein neuer sozial-ökologischer Klassenkonflikt verstehen lässt.“
Dabei greifen die Autor:innen bewusst nicht auf ein klassisches Klassenverständnis zurück. „Klassen“ erscheinen hier nicht als klar voneinander abgrenzbare Großgruppen, sondern als
„sozial gegensätzliche, antagonistische Verhältnisse, die sich aus Vergesellschaftungsprozessen ergeben.“
Der neue Konflikt wird folglich nicht als einfache Polarisierung zweier Lager beschrieben, sondern als mehrdimensionales Geflecht, in dem unterschiedliche Interessen, Lebensweisen und Wahrnehmungen miteinander konkurrieren. Besonders überzeugend ist die enge Verknüpfung von ökologischen und sozialen Fragen: Ökologische Probleme werden als soziale Probleme verstanden – und umgekehrt. Beide Konfliktdimensionen wurzeln laut den Autor*innen in derselben Ursache: der expansiven Logik kapitalistischer Gesellschaften, die auf Wachstum, Steigerung und Intensivierung ausgerichtet sind.
Das Vorgehen
Die Analyse basiert auf einer Umfrage mit rund 4000 Teilnehmenden aus ganz Deutschland Ende 2021. Aus der Auswertung entwickelten die Autor*innen zehn Mentalitätstypen, die sich in drei größere Mentalitätsspektren einordnen lassen. Diese stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern bilden eine Art Dreiecksbeziehung mit fließenden Übergängen. Besonders anschaulich wird dies durch die kartografische Darstellung im sozialen Raum zwischen „oben“ und „unten“ sowie „links“ und „rechts“.
Weiterhin analysierten die Soziolog*innen vier zentrale Konfliktdimensionen: der Abstraktionskonflikt, der Lebensweisekonflikt, der Veränderungskonflikt und der Externalisierungskonflikt. Diese Kategorien ermöglichen eine differenzierte Betrachtung der Spannungen rund um die Transformation und gehen deutlich über vereinfachende Deutungen hinaus.
Mentalitäten im Fokus
Das ökosoziale Spektrum umfasst vor allem höher gebildete Milieus im urbanen Raum, die Transformation als notwendige kollektive Aufgabe begreifen und sich für Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit einsetzen. Gleichzeitig gibt es hier Tendenzen zur Moralisierung und ökologischen Selbstdarstellung.
Das konservativ-steigerungsorientierte Spektrum ist durch eine innere Ambivalenz geprägt: Einerseits werden Umweltprobleme anerkannt, andererseits dominiert der Wunsch, den eigenen Lebensstandard zu sichern. Technologischer Fortschritt erscheint hier häufig als bevorzugte Lösung.
Im defensiv-reaktiven Spektrum schließlich bündeln sich vor allem Erfahrungen sozialer Unsicherheit. Transformation wird eher als Bedrohung denn als Chance wahrgenommen, was mit Rückzugstendenzen und Skepsis gegenüber gesellschaftlichen Institutionen einhergeht.
Wichtig ist dabei die differenzierte Einsicht, dass die soziale Lage Menschen nicht deterministisch festlegt, wohl aber bestimmte Mentalitäten wahrscheinlicher macht.
Einordnung und Ausblick
Das Buch zeigt eindrücklich, dass die Klimakrise in der öffentlichen Wahrnehmung häufig hinter anderen Krisen zurücktritt, die unmittelbarer erscheinen. Gleichzeitig geraten globale Ungleichheiten aus dem Blick, obwohl sie zentral für das Verständnis der Transformation sind.
Die Autor*innen plädieren dafür, die bestehenden Konfliktdimensionen weniger polarisiert zu diskutieren. Insbesondere der Lebensweisekonflikt – also die Frage nach der Verteilung zwischen privaten Interessen und dem Gemeinwohl – sollte stärker in den Mittelpunkt rücken. Ebenso müsse deutlicher thematisiert werden, wer die Kosten eines „Weiter so“ trägt: vor allem sozial benachteiligte Gruppen sowie Menschen im globalen Süden und die Natur selbst.
Als politische Ansatzpunkte werden Infrastrukturpolitik, Umverteilung, Suffizienz, Internalisierung sowie eine Stärkung demokratischer Partizipation genannt. In ihrer historischen Einordnung behandeln die Autor:innen zudem die Frage, ob sich Dynamiken wiederholen könnten, wie sie bereits in den Krisenzeiten der 1920er und frühen 1930er Jahre zu beobachten waren.
Fazit
„Der neue sozial-ökologische Klassenkonflikt“ liefert einen wissenschaftlich-fundierten Überblick, um die gesellschaftlichen Spannungen der Gegenwart besser zu verstehen. Besonders wertvoll ist die Verbindung von sozialen Positionen mit Gefühlen wie Angst, Überforderung oder „Veränderungsmüdigkeit“ sowie die Reflexion darüber, welche Konflikte medial sichtbar werden und welche Interessen dahinter stehen.
Das Buch vermeidet bewusst verkürzende kulturelle Erklärungen – etwa entlang von Stadt-Land-Gegensätzen, Geschlechterstereotypen oder Bildungsunterschieden – und betont stattdessen strukturelle und soziale Zusammenhänge. Die Autor*innen warnen vor „soziologischen Pauschaldiagnosen“ und heben die Komplexität des Konflikts sowie die fließenden Übergänge zwischen den Mentalitäten hervor. Gerade diese Differenziertheit macht die Lektüre anspruchsvoll, aber auch besonders erkenntnisreich.
Insgesamt ist das Buch für sehr empfehlenswert für alle, die die gesellschaftlichen Konflikte der letzten Jahre besser einordnen möchten. Trotz seines wissenschaftlichen Anspruchs bleibt es zugänglich und verständlich – nicht zuletzt durch anschauliche Grafiken und eine klare Struktur.
Wir bedanken uns bei Joelle Lieser für die Rezension für die Klimabuchmesse.
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„Der neue sozial-ökologische Klassenkonflikt. Mentalitäts- und Interessengegensätze im Streit um Transformation“ von Dennis Eversberg, Martin Fritz, Linda von Faber, Matthias Schmelzer
Campus, 17.07.2024, 221 Seiten, ISBN: 978-3-593-51995-1, als E-Book: Open Access
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