Wie klingt Vergangenheit? Und wie können wir diesen längst verklungenen Klang hörbar machen? Die Schriftstellerin Ulrike Draesner hat in „Doggerland“ (Penguin Verlag) einem untergegangenen Lebensraum ihre Stimme geliehen. So scheint es — denn nach dem Lesen dieses einzigartigen Bandes wird klar: Draesner hat Doggerland keine Stimme geliehen, sie hat dem Land seine Stimme abgelauscht.

Doggerland, ein Delta, einst groß wie Deutschland, gleichermaßen Verbindung und Grenze zwischen Großbritannien und Jütland, dicht besiedeltes Zentrum der Steinzeit, untergegangen in einem Tsunami. Es scheint beinahe absurd, dass Atlantis mehr Menschen ein Begriff ist, als die Wiege Europas. 8500 Jahre ist es her, dass der Lebensraum Doggerland in den Fluten versank. Seitdem ein Sehnsuchtsort, ein Meeresboden, den die britische Archäologin Briony Coles lokalisierte und nach einer ausgedehnten Untiefe in der Nordsee benannte. Doggerland kann nicht geborgen werden, es liegt tief im Meer. Doch was Archäolog*innen nicht gelingt, hat Draesner vollbracht: Sie hat Doggerland als „Phantasma“ im Netz der Sprache ans Licht gehoben — nur einen Steinwurf entfernt von den Gewässern, denen sie sich in anderen Büchern gewidmet hat (dem Ärmelkanal in „Kanalschwimmer“, den Meeren, die Odysseus Gattin im kürzlich erschienenen Postepos „penelopes sch( )iff“ bereist, oder dem Mare-Band über Hiddensee, um nur ein paar zu nennen).

Wie in schnellem Spiel federn die Bälle hin und zurück, vermisst Draesner alles was kreucht und fleucht im Delta. Nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern eben auch der oft belächelte Neandertaler gelangen hier zur Sprache und werden so vom Staub der Jahrhunderte befreit. Wir teilen einen Teil des Genoms mit diesen frühen Menschwesen. Draesner zeigt, wie sie auf die Jagd gingen, liebten, sangen, kämpften. „(rushing) treiben kinder in der höhle/ihr Wesen (barns having it their way)/eine spur (a-lure) in den eichenhain/hush folks hu — husch —“.

Doggerland ist unser Anfang — ist der Beginn von Sprachen, dem, was Englisch, was Deutsch werden würde, der Sprache der Liebe und der der Kunst. Diese Sprachvielfalt bildet Draesner mittels Klangvielfalt ab. Sie schafft ein Stimmenarchiv, eine Echokammer, in der die Rufe nicht leiser, sondern immer lauter und lebendiger werden. Dreispaltig sind hier die Stimmen ge- und versetzt, ergänzen und reiben sich aneinander, verstärken oder heben sich gegenseitig auf, bis die Leserin ganz abgetaucht ist in der Buchstabensuppe vor dem ersten Wort. Mythos und überholte Denksysteme (vom Jagen und Sammeln getrennt nach Geschlecht) lässt Draesner auf diesen Wortleitern spielerisch hinter sich, auf den Sprossen des Hauptextes geht es sich trittsicher hinab in die Geschichte des Menschen und seiner Sprache, die Handläufe links und rechts geben ein lyrisches Lexikon englischer und deutscher Begriffe, die sich zuweilen wie kleine Splitter unter die Haut bohren und unvergessen bleiben. Ewig erinnert werden im Band auch die nicht menschlichen Bewohner Doggerlands — Erdfresser und Hafte und ungehûre.

Bereits vor der Veröffentlichung erhielt Draesner, die als Professorin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig unterrichtet, den Gertrud Kolmar Preis. In der Jurybegründung ist vom „Gedicht-Delta“ die Rede, eine auferstandene Sprach-Landschaft. Ein wiedererschaffener Lebensraum. „Wie man lebte“, schreibt Draesner in ihrem poetologischen Nachwort, „ist Hypothese, Fiktion, Projektion.“ Und jetzt ist es Poesie, die uns mit unserem „versunkenen Gesicht“ verbindet, „wir/sind gemacht. gemacht aus einem stück (piece please)“.

Rezensiert von Linn Penelope Rieger.

„Doggerland“ von Ulrike Draesner, Penguin, 2021, 180 Seiten, ISBN: 978-3-328-60166-1

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