In einer nahen Zukunft sieht sich die Welt genötigt, die Erderwärmung durch Geoengineering auszubremsen: In die Stratosphäre sollen Schwefelpartikel eingebracht werden, die das Sonnenlicht brechen, bevor es in die Erdatmosphäre gelangt. Als Nebeneffekt wird der Himmel sein Blau verlieren und mit ihm auch die Meere, Seen und Flüsse. Himmel und Welt werden grau.

Wie erleben Menschen diese einschneidende Veränderung? Was bedeutet das Blau des Himmels für uns und was heißt es, den Himmel, den wir gekannt haben, zu verlieren? Dieser Frage geht Magdalena Schrefels Protagonistin, Hannah, in „Das Blaue vom Himmel“ nach. Im Rahmen eines Kulturprojekts begibt sie sich dafür auf eine Interviewtour. Dabei kommt sie nicht nur den Geschichten anderer Personen näher, sondern auch ihrer eigenen. Der Roman ist Anfang des Jahres (2026) im Suhrkamp-Verlag erschienen.

Die Umwelt

Wer in der Inhaltsbeschreibung von Geoengineering liest, verfällt schnell in eine innere Bewertung. Das kann eine generelle, persönliche Bewertung sein oder eine Erwartung an das Buch: Wie wird ein so gravierender technischer Eingriff in die Natur dargestellt? Gut oder schlecht? Als Problem oder als Lösung? Technik genießt im Klimaschutz einen ambivalenten Ruf, genauso in der Literatur. Die Frage nach der Bewertung ist eng mit der Frage nach dem Genre verknüpft: Utopie oder Dystopie?

Die Entscheidung, die „Das Blaue vom Himmel“ trifft, kann daher in gewisser Hinsicht als ungewöhnlich gelten: es legt sich überhaupt nicht fest.
Die Protagonistin, aus deren Sicht das Geschehen geschildert wird, bezieht keine Stellung. Im Gegenteil: Der Text spielt sich auf einer Alltagsebene ab, die im harten Kontrast zu den historischen Ereignissen im Hintergrund steht. So kann metaphorisch ausgelegt werden, was Hannahs Kollegin beim Beobachten des Himmels erzählt:

Als die Sowjetunion unterging […] oder auseinanderbrach, da waren noch russische Kosmonauten im All. Und die erfuhren dort vom Zerfall des Landes, aus dem sie gekommen waren.

Dabei wäre es falsch, der Protagonistin politisches Desinteresse zu unterstellen. Gerade weil sie sich dem Geschehen nicht bewusst entzieht, erzeugt die Selbstverständlichkeit, mit der sie die Vorgänge in der Umwelt im Hintergrund ablaufen lässt, die Wirkung eines schroffen Gegensatzes. Ähnlich bleibt auch die Natur eine „Umwelt“ im wörtlichen Sinne. Der Roman thematisiert verschiedene Möglichkeiten, die Natur zu erfassen: durch Messungen, Wetterdaten, Kunst oder bloße Betrachtung. Die Natur wird als schön, bedrohlich und bedroht charakterisiert. Sie bleibt ein Abstraktum hinter einer Fülle von Einzelerfahrungen.

Letzten Endes handelt der Roman davon, wie Menschen die Welt erleben. Sowohl die Historie als auch die Natur bilden einen Lebensraum, einen Schauplatz für individuelle Erlebnisse. Dadurch gelingt es der Autorin, das Geoengineering aus einer wertungsfreien beobachtenden Erzählperspektive heraus zu beschreiben und die Bewertung den Lesenden zu überlassen.  In der polarisierten Gesellschaft unserer Gegenwart wirkt das angenehm.

Generationenkonflikt

Eine prominente Rolle spielt das Verhältnis zwischen Hannah und ihrem alleinerziehenden Vater, den sie beim Vornamen nennt. Jakob war selbst in der frühen Umweltbewegung aktiv. Von ihrer Mutter, die die Familie verlassen hat, hat er nie erzählt. Der familiäre Konflikt bleibt unter der Oberfläche, ähnlich wie der riskante Versuch, die Erderwärmung zu bremsen. Ähnlich ambivalent bleibt auch das Verhältnis zwischen Vater und Tochter: In Bezug auf den Klimawandel ist eine Schuld der Elterngeneration in Jakobs Fall schwer zu rechtfertigen, da dieser Umweltbewusstsein gelebt und an seine Kinder weitergegeben hat. Als Hannah den Vorwurf dennoch erhebt, spielt dieser subtil auf ihre fehlende Mutter an, denn auch diese hat die Familie verlassen, weil ihr das Leben nicht genug war.

(…)

»Euer Verzicht«, sage ich, »der lief doch nur auf Haarspray hinaus, auf Deozerstäuber und Sprühsahne, das kannst du doch mit heute nicht vergleichen, Jakob!«

»Wir haben es versucht«, sagt er, »immerhin haben wir es versucht und nicht nur Kunst gemacht.«

»Wenn man es mehr als versucht hätte, dann müssten wir das alles hier«, ich deute vage, »heute nicht ausbaden.«

»Wir haben es versucht«, sagt Jakob noch einmal, und dass es einfach nicht gereicht hat.

(…)

Weder in der Familie noch auf der Erde hat der „Versuch“ gereicht. Während Hannah ihrem Vater das zum Vorwurf macht, ist auch Jakobs Haltung zu Hannahs Arbeit in dem Kunstprojekt interessant. Kunst ist ein schwer erfassbarer Gegenstand, der einerseits durch passives Betrachten, andererseits durch den kreativen Umgang mit Sinneseindrücken charakterisiert ist. Er spiegelt die generelle Position des Menschen in der Natur wider. Dass die Autorin ausgerechnet den Himmel ins Zentrum ihres Romans rückt, dürfte kein Zufall sein. Der Himmel hat stets Distanz symbolisiert. Er steht für Furcht und Hoffnung, Sehnsucht und Paradies. Spätestens die Astronautik hat ihn zum geheimnisvollen, unerforschten und unberührten Raum gemacht, der gerne in Literatur und Film aufgegriffen wird. Der Himmel ist ein wissenschaftlicher Gegenstand und ein kulturelles Objekt, der maßgeblich das visuelle Weltbild prägt.

Stil

Der Stil ist eine klare Stärke des Buches. Im Vordergrund stehen Sinneseindrücke und Assoziationen. Gefühle werden durch die Umgebungswahrnehmung indirekt vermittelt oder symbolisch repräsentiert. Dadurch erhält der Text eine hintergründige Emotionalität, während die Beschreibungen auf einer Ebene bleiben, die allein das Sichtbare und Erfahrbare zeigt. Das unterstützt den Inhalt, drückt Distanz aus aber zugleich auch lebendige Erfahrung.

Fazit

Wie der ganze Roman von Erfahrung handelt, ist auch die Lektüre eine (angenehme) Erfahrung. Wie in Hannahs Kunstprojekt werden viele Perspektiven auf den Himmel geworfen. Vielleicht entpuppt sich das, was Menschen „Himmel“ nennen, am Ende als bloße Summe unserer Eindrücke. Der Gegenstand selbst bleibt unscharf. Was bedeutet es also, wenn der Himmel sein Blau verliert? Ist der Himmel überhaupt mehr als eine Farbe über der Erde? Eine Datensammlung? Ein Gefühl?

Rezensiert von Artemis Wind.

„Das Blaue vom Himmel“ von Magdalena Schwefel, Suhrkamp Verlag, 2026, 268 Seiten, ISBN 978-3-518-43259-4

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