Im Umfeld des Wettbewerbs, den Emma, Kim, Ava und Wally veranstalten, wird mit harten Bandagen gekämpft. Bewerben können sich Projekte mit Lösungen zur Beseitigung des Meeresmülls. Wer aber hätte gedacht, dass jemand im Rahmen dieser Veranstaltung zu einem Mord fähig ist?
Für die Klimabuchmesse hat den Umweltkrimi „Plastic Girls“ von der Autorin Tessa Maelle, erschienen bei Alea Libris, Artemis Wind rezensiert.

Inhalt

Seit ihrem Lottogewinn müssen sich Emma, Kim, Ava und Wally um Geld keine Sorgen mehr machen. Anstatt das Vermögen mit Shopping und Champagner zu verschleudern, kann Emma die anderen jedoch überzeugen, es sinnvoll zu investieren. Drei Umweltprojekte konkurrieren in einem Wettbewerb darum.

Als Emma allerdings im Meer ertrinkt, sind sich die verbliebenen drei Freundinnen sicher, dass es sich um keinen Unfall handelt. Außerdem tauchen Drohungen auf: Wird der Wettbewerb nicht abgeblasen, stirbt die Nächste.

Durch Einschüchterungsversuche, Sabotageaktionen und Brandstiftung spitzt sich die Lage zu.

Könnte Emmas Tochter Lina dahinterstecken? Eine Berliner Aktivistin, die es für den falschen Weg hält, den Menschen ihr Plastikproblem einfach aus dem Weg zu räumen? Gar jemand aus einem Wettbewerbsprojekt? Wer hätte ein Motiv? Immerhin geht es ihnen am Ende doch allen um das gleiche Ziel – oder?

Recherche

Dass dem Roman eine gute Recherche zugrunde liegt, lässt sich auf der Website des Verlags nachvollziehen. Unter dem folgenden Link sind die Quellen nach Kapiteln sortiert aufgeführt: https://www.alealibris.de/plastic-girls-quellen/ .

Ein Blick lohnt sich auf jeden Fall. Obwohl ich mich für das Thema Plastikmüll interessiere, habe ich aus den Quellen eine Menge Neues gelernt. So ist es fast ein wenig schade, dass in den Text nur ein Bruchteil davon Einzug finden kann. Dafür vermeidet der Krimi Informationsvermittlung zum Selbstzweck. Das Recherchewissen fügt sich in den Zusammenhang ein und es entsteht ein realistisches Bild der aktuellen Problemlage, ohne dass die Spannung darunter leidet.

Vielschichtige Charaktere

Aber geht es am Ende wirklich allen um das gleiche Ziel? Na ja. Den meisten Figuren scheint es vor allem ums Geschäft zu gehen. Der Krimi spielt in einem unternehmerischen Milieu. Entsprechend sind die Charaktere gestaltet. Ich gebe zu: als jemand, der die schleichende Umweltkatastrophe aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, sind mir auch die Hauptfiguren mit ihren teuren Autos und luxuriösen Apartments nicht unbedingt sympathisch geworden. Aber das müssen sie auch nicht. Der Roman zeichnet schlicht ein glaubwürdiges Bild erfolgreicher Geschäftsleute und reicher Investor*innen mit der durchschnittlich menschlichen Portion Egoismus. Doch sie haben entschieden, ihren Einfluss zu nutzen, um die Welt ein Stück in die richtige Richtung zu bewegen.

Die Geschichte entgeht der Gefahr eines simplen Schwarz-Weiß-Schemas, da auch die Aktivisten keineswegs ein löbliches Gegenbeispiel statuieren. Im Gegenteil: Sie stellen sich dem Wettbewerb in den Weg, anstatt gemeinsam mit den Unternehmern nach Lösungen zu suchen. Der Umweltaktivismus wird damit als heterogenes Feld präsentiert, indem verschiedene Strömungen gegeneinander konkurrieren. Der „gemeinsame Feind“ eint nicht. Das sollte er jedoch, denn die Umwelt betrifft uns alle. Jedes Lebewesen dieser Erde hängt von ihr ab, unabhängig von Schuld, Einkommen oder politischer Überzeugung.

Genau das vermittelt der Roman am Ende. Natürlich möchte ich nicht zu viel verraten, doch was mir wirklich gut gefallen hat, war die Auflösung des Wettbewerbs. Von Anfang an steht der Wettbewerb im Zentrum des Krimis. Er steht den Figuren jedoch auch im Weg, denn das Preisgeld ist der Auslöser des Konflikts. Zunächst klingt es nach dem alten Motiv: Geld. Trotzdem hätte keines besser in einen Umweltkrimi über Plastikmüll gepasst. Obwohl eine zukunftsfähige Wirtschaft auf Umweltschutz sogar angewiesen ist, ist es gleichzeitig die Wirtschaft, die viele Probleme durch kurzfristiges und einseitiges Wachstumsstreben verursacht.

Plastische Beschreibungen

Eine Stärke des Krimis sind seine plastischen Beschreibungen. Die Schauplätze, die von Dresden bis Sydney reichen, werden ausführlich geschildert. Sinnliche Eindrücke und Assoziationen machen die Umgebungen greifbar und vermitteln detaillierte Bilder von den Figuren.

Dass hinter den Ortsbeschreibungen eine gute Recherche steckt, zahlt sich für die Lesenden auch aus. In den Text ist viel Alltagswissen über Sydney mit eingeflochten, wodurch sich der Roman wohltuend von „Trendschauplatz-Literatur“ abhebt.

Kritik

Gelegentlich geht allerdings die Balance verloren. Was an einigen Stellen zur Plastizität beiträgt, wirkt an anderen Stellen überflüssig. Beispielsweise verstehe ich nicht, warum mir der Text die Hintergründe zu einem verschwundenen Kater in der Nachbarschaft oder Kims Lieblingsrisotto liefert. Im Gegenzug vermisse ich Gedankengänge. Die kurzen Gedankenschnipsel, die in den Text eingestreut sind, ergänzen eher die äußere Handlung, statt mir einen Blick ins Innere der Figuren zu gewähren. Warum stellen sie sich so selten Fragen? War Emmas Tod wirklich ein Mord? Welche Indizien haben sie schon und wie ernst müssen sie die Drohungen nehmen?

Oft gehen die Freundinnen wie selbstverständlich einem Verdacht nach, an dem wenigstens eine von ihnen berechtigterweise auch zweifeln könnte. Vor allem bei der Auflösung am Ende, hätte der Text ruhig tiefer auf die Beweggründe der schuldigen Person und die Reaktion der Protagonistinnen eingehen können. Was hat die/den Täter*in so weit getrieben? Wie gehen die Hauptcharaktere mit dieser Wahrheit um? Sind sie nicht schockiert? Um Motiv und Reaktionen ernsthaft nachzuvollziehen, ist die Enthüllung zu stark verknappt.

Die Rolle des Geldes

Warum mich das Motiv aber brennend interessiert hätte? – Weil es eine gute Chance gewesen wäre, noch einmal das Geld zu thematisieren. Auch an dieser Stelle möchte ich nicht spoilern, doch die Konstellation ist interessant und fügt sich eigentlich wunderbar in die Frage ein, die der Krimi am Ende noch einmal aufgreift: Macht Geld glücklich?

Der Text wirft einen Blick über den Bubble-Rand. Weder sind es selbstlose Idealistinnen, die hier die Hauptrolle spielen, noch Finanzgeier. Es sind einfach durchschnittliche Mensch mit durchschnittlichen Problemen und einem Lottogewinn. Bis jemand auf den Tisch haut und sagt:

„Mädels, wir müssen etwas Sinnvolles mit dem ganzen Zaster machen!“

Gerade dieser Ansatz birgt das Potential, eine andere Klientel zu erreichen, als die ohnehin umweltbewusste Leserschaft.

Fazit

Ein spannender Krimi, der von viel Hintergrundwissen zeugt. Und ich kann nach der Lektüre wirklich einen Besuch der Seite mit den zugrundeliegenden Quellen empfehlen. Es sind eine Menge spannende Artikel dabei.

„Plastic Girls“, von Tessa Maelle, Alea Libris Verlag, 2025, 220 Seiten

Weitere Klimabuch-Tipps findest du in unserer Klimabuchliste.