In Das beste Europa aller Zeiten soll es um unerhörte Ideen für ein besseres Morgen gehen – so verspricht es der Untertitel. Mir hat das natürlich sofort Lust gemacht, das Buch zu lesen. Welche Ideen Katja Sinko und Peter Jelinek wohl vorschlagen werden?

Im Prolog beginnen die beiden mit einem schönen Bild: Europa als großes Puzzle, vor dem wir stehen und uns fragen, ob wir das wirklich schaffen und genug Zeit und Hingabe darauf verwenden können. Jetzt gerade, im Jahr 2026, befinden wir uns in der Phase der Resignation. Die Ränder und erste Teile sind gelegt, aber der nächste Schritt scheint zu schwer und aufwendig. Mittlerweile glauben wir, dass Teile unseres Puzzles fehlen. Das Buch dagegen soll ein kleines Puzzlestück Europas darstellen, mit dem wir einen Ansatzpunkt zum Weitermachen finden.

Wir stehen an einem schwierigen Ausgangspunkt: Seit 2016 beobachten wir einen Aufstieg rechtsextremer Kräfte in Europa. Dagegen scheinen die demokratischen Parteien mit ihrer politischen Ohnmacht kein Mittel zu finden. Dazu kommen Krisen als dominierende Konstante. Und dass die EU immer wieder an sich selbst scheitert. Das Ego der Nationalstaaten blockiert jeden mutigen Schritt nach vorn. Wie gut, dass wir ganz nebenbei noch mehr darüber erfahren, wie die EU eigentlich funktioniert – und wo eben auch nicht.

Dabei dürfen wir das, was wir als Europäer*innen heute haben, nicht als selbstverständlich betrachten. Es liegt auch an uns, so Katja Sinko und Peter Jelinek, die Errungenschaften der EU zu verteidigen. Es sei sogar unsere Pflicht, das Europa der Zukunft zu gestalten. Wie das gehen kann? Zum Beispiel mit Ideen, die sie eher als Denkanstöße begreifen wollen und selbst als „ein bisschen banal, ein bisschen radikal, ein bisschen beides“ bezeichnen.

„Es ist nicht Zeit für ein Ich-Europa, sondern für ein Wir-Europa. Ein Europa, in dem wir den europäischen Zusammenhalt stärken, indem wir uns wieder auf europäische Werte, also Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte, besinnen und diese wieder stärken und wirklich leben. Im Miteinander.“

Best-of EU

Das Autorenteam wünscht sich ein Recht auf Mobilität – zum Beispiel mit einer EuropaCard (kostenfreier Nah- und Fernverkehr) und zusätzlichen Urlaubstagen fürs langsamere Reisen. Ein Vorschlag, dessen Umsetzung ich persönlich sehr unterstützen würde. Gleichzeitig fordern sie Investitionen in die Bahn und den ÖPNV, eine Harmonisierung der Ticketsysteme (ja, bitte!) und zum Beispiel ein Verbot von Inlandsflügen.

Das Beispiel des „Jedermannsrecht“ in Schweden im Hinterkopf, plädieren sie außerdem für ein europäisches Recht auf Natur. So sollte jeder Zugang zur Natur haben – ganz nach der Faustregel „Nicht stören – nicht zerstören“.

„Denn der beste Weg, unsere Natur zu bewahren, ist, eine Vorstellung davon zu haben, wie die Natur in ihren Grundzügen funktioniert. Man versteht sie nur, wenn man ihr öfter begegnet. Nur dann lernt man sie kennen und lieben – und will sie auch bewahren.“

Umsetzen ließe sich das mit begrünten Städten (Beispiel Paris) und der Idee der 15-Minuten-Oase, nach der jede*r in der Stadt innerhalb von 15 Minuten zu Fuß eine grüne Erholungsfläche erreichen können sollte.

Weitere Ideen drehen sich um die Entbürokratisierung, die Digitalisierung (Stichwort „Digitales E-Postfach“) und eine stärkere Bürgerbeteiligung als Gegenpol zum Europäischen Rat, in dem sich einzelne Mitgliedsstaaten gegenseitig blockieren und die Einigkeit untergraben. Wie wäre es mit einem Europäischen Zukunftsrat aus gewählten Vertreter*innen der Jugendzivilgesellschaft? Junge Menschen zwischen 16 und 35 würden sich für eine generationengerechte Zukunft engagieren, statt immer weiter das Gestern zu verwalten.

Ich für meinen Teil finde die Ideen gar nicht so unerhört. Mutig ja, und vor allem wichtig. Wir brauchen solche Visionen, um endlich ins Handeln zu kommen und unsere Zukunft zu gestalten. Auch wenn sicher nicht alles so umsetzbar ist: Auf irgendeiner Grundlage müssen wir ja diskutieren und anfangen. Außerdem sind die Ideen im Buch nicht völlig aus der Luft gegriffen. Das untermauern Katja Sinko und Peter Jelinek anschaulich mit Beispielen aus Städten oder Gemeinden, in denen ähnliche Ansätze bereits erprobt werden und funktionieren. Das Ziel verlieren sie dabei nie aus den Augen:

„So wird Europa für uns alle zur Heimat: lebensnah, offen, verbunden und voller Möglichkeiten – ein Europa zum Anfassen, Leben und Lieben. Ja, wenn wir diese Ideen umsetzen wollen, haben wir keine kleine Aufgabe vor uns. Aber wir müssen groß denken, um Europa endlich aus seinem Krisenmodus zu heben und eine bessere Zukunft zu formen, statt immer nur auf die irren Ideen der Feinde der Demokratie zu reagieren.“

Gute Gründe für Zuversicht

Obwohl der Ist-Zustand uns manchmal verzweifeln lässt, gibt es sie: gute Gründe, um zuversichtlich zu bleiben. So hat die Europäische Union bereits einiges erreicht – Frieden zwischen ehemals verfeindeten Ländern, die Reisefreiheit im Schengenraum, die gemeinsame Währung oder die Solidarität in Krisenzeiten. Es ist also nicht alles schlecht – und viel mehr möglich, als wir für machbar halten. Umfragen zeigen schließlich weiterhin klare Mehrheiten für die Idee der Europäischen Einheit. Nun müssen wir es nur schaffen, wieder in Lösungen zu denken, statt in Empörung oder Spaltung.

Besonders schön finde ich auch die Idee, die Lesenden am Ende selbst zum Mitmachen einzuladen. Wie das geht, erfahrt ihr am besten, wenn ihr das Buch selbst lest.

Fazit

Dies ist ein Buch ganz im Sinne der Klimabuchmesse: ein Buch, das Lust auf Zukunft und auf Europa macht – mit mutigen Visionen und konkreten Ideen, die zur Diskussion anregen. In der EU, die Katja Sinko und Peter Jelinek vorschwebt, möchte ich möglichst bald auch gerne leben.

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Wir bedanken uns bei Sandra Michalski für die Rezension für die Klimabuchmesse und bei Anetta Ewa Trojecka fürs Lektorat.

 

Katja Sinko, Peter Jelinek: Das beste Europa aller Zeiten. Unerhörte Ideen für ein besseres Morgen. oekom, 06.05.2026. 192 Seiten. ISBN: 978-3-98726-523-5

 

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