Kippender Holzstuhl mit darauf montiertem Cover des Buches.

Wir befinden uns hier tatsächlich nicht in einem Science-Fiction-Thriller. Durch die weiterhin hohen CO-Emissionen – die 2024 einen neuen Höchststand erreichten – drohen viele Klimaelemente in naher Zukunft zu kollabieren. Sie stehen „Am Kipppunkt“.

So war es nie relevanter und aktueller, ein Buch mit diesem Titel zu schreiben. Die beiden Autoren und Journalisten Benjamin von Brackel und Toralf Staud erzählen von den Anfängen der Kipppunkt-Forschung, einschließlich heikler Debatten. Sie liefern nicht nur eine Zusammenstellung der aktuell bekannten Kipppunkte unserer Erde, sondern haben allgemein verständlich den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Hintergründe, Unsicherheiten und Folgen recherchiert. Das Buch lässt uns aber keinesfalls an Dystopien verzweifeln, denn das letzte Kapitel beschäftigt sich mit den Erfolgen des Klimaschutzes, den „positiven Kipppunkten“.

„Denn positive Kipppunkte anzusteuern ist die einzige Chance, um uns die negativen Kipppunkte im Erdsystem doch noch vom Leibe zu halten. Mit einer gemächlichen Umstellung der Wirtschaft ist es nicht mehr getan.“

Aber von Anfang an …

Die Entdeckung der Kipppunkte

Von der ersten Erwähnung 1871 im Zusammenhang mit dem Kippen eines Kohlewaggons in einer britischen Gießerei bis heute hat der Begriff „Kipppunkt“ eine lange Geschichte. Forscher untersuchten meterhohe Eisschichten und die Sauerstoffisotope vieler Tiefsee-Bohrkerne. Es wurden Beweise für „abrupte“ Klimaveränderungen gefunden, die allerdings zunächst als lokale Funde wahrgenommen wurden. Die Aufzeichnungen relativ gleichmäßiger Klimaübergänge wiederum bestätigten sich in Computermodellen, die in den 1960er Jahren entwickelt wurden. Damit schien alles klar – bis 1992 in Zentralgrönland mit verbesserten Analysemethoden der Eisbohrkerne weitere Beweise für das häufige Auftreten abrupter Klimaveränderungen gefunden wurden. Die Klimamodelle bestätigten die Ergebnisse.

„Wow, rief nun auch Alley. […] Wir haben es geschafft! Nach Jahrzehnten der Suche hatten sie den Beweis nun vor sich. Das Klima war fähig, wirklich rapide umzuschlagen.“

Hans Joachim Schellnhuber unterschied dann den Prozess in drei verschiedene Arten von Kipppunkten: ein abrupter und irreversibler Übergang, eine langsame unumkehrbare Abweichung zu einem anderen System, oder eine umkehrbare Abweichung.

Allerdings sind die Wissenschaftler sich über die Art der Erzählung uneinig. So muss einerseits vor den dramatischen Folgen des Umkippens gewarnt werden. Die Menschen müssen aufgerüttelt werden, die hohen CO₂-Emissionen zu stoppen. Kipppunkte sind ein (vielleicht erstes) greifbares Element dafür. Doch andererseits könnte das Wissen um Kipppunkte auch schnell in öffentliche Resignation umschlagen.

Negative Kipppunkte des Klimasystems

Die Erde erwärmt sich und taut auf – allen voran das sommerliche Meereis des Arktischen Ozeans wird, wie der Ozeanograf Dirk Notz sagt, das erste große Element im Klimasystem sein, das wir verlieren. Das tut sicher nicht nur mir und jedem, der schon einmal die Schönheit der Arktis erleben durfte, im Herzen weh.

„Einem ganzen Ökosystem wird damit die Lebensgrundlage entzogen, hindurch die ganze Nahrungskette: von der Eisalge über den Polardorsch und die Ringelrobbe bis zum Eisbären.“

Leider verstärkt sich durch die zunehmende Strahlungsaufnahme an der dunklen Ozeanoberfläche die Eisschmelze selbst. Vom Schmelzen sind auch das grönländische und das westantarktische Eisschild sowie zahlreiche Gletscher weltweit betroffen. Das Schmelzwasser gefährdet zahlreiche Küstenregionen durch den Meeresanstieg und beeinflusst die wichtigen Umwälzzirkulationen im Ozean, die das Klima in großen Teilen der Erde steuern. Auf dem Land ist die Situation nicht viel besser. Dort tauen Permafrostböden und gefrorene Erdschichten, setzen Treibhausgase frei und zerstören menschliche Infrastrukturen. Die größten Wälder der Erde, der Amazonas-Regenwald, die Lunge der Erde, und die borealen Nadelwälder, CO₂-Speicher des Nordens, schrumpfen aufgrund der Trockenheit und der dadurch begünstigten Feuer. Sie werden empfindlicher gegen Störungen und verlieren ihre wichtige Funktion des Wasseraustausches und der CO₂-Speicherung, was wiederum Dürre und Erwärmung verstärkt.

Diese Elemente (und einige mehr) verändern sich auf verschiedenen Zeitskalen und sind teilweise schon aus dem Gleichgewicht geraten. Sie nähern sich in verschiedenen Geschwindigkeiten dem jeweiligen Kipppunkt, was oftmals nur durch eine starke Abkühlung der Erde änderbar – oder sogar unumkehrbar – ist.

Aber es gibt auch Grund zur Hoffnung

„Garantiert wirksam ist nur eines: die Erderwärmung möglichst rasch zu stoppen, also die CO₂-Emissionen schnell und drastisch zu senken. Die Rettung könnte ausgerechnet in Kipppunkten liegen. Positiven Kipppunkten.“

Denn wir sind im „Sonnenzeitalter“ angekommen: Photovoltaikanlagen zur Stromerzeugung sind stark auf dem Vormarsch. Ähnliche Erfolge hat die Elektromobilität zum Beispiel in Norwegen gefeiert. Grüner Wasserstoff ist eine vielversprechende Technologie der Zukunft und auch unsere Ernährung bräuchte eine wichtige Kehrtwende.

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Rezensiert für die Klimabuchmesse hat „Am Kipppunkt“ Dr. Tamara Emmerichs, Naturwissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Meteorologie.

„Am Kipppunkt. Wo das Klima zu kollabieren droht – und wie wir uns noch retten können“ von Toralf Staud und Benjamin von Brackel, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2025, 384 Seiten, ISBN: 978-3-462-00790-9

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Weitere Klimabuch-Tipps findest du in unserer Klimabuchliste.