Wir leben in Zeiten multipler Krisen. Jeden Tag begegnen uns neue, niederschmetterte Nachrichten, die uns die Hoffnung nehmen. Genau hier setzt das Buch „Die Welt gewinnen“ von Katrin Hartmann an. Sie nimmt uns mit auf die Reise des Aktivismus und der Selbstwirksamkeit. Hartmann beschreibt, wie es möglich ist, sich trotz Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen und stets nach Alternativen zu suchen, um aktiv die Zukunft mitzugestalten.

Das „falsche“ Gute

Im Kapitel das „falsche“ Gute skizziert Hartmann sehr eindrücklich, welche perfiden Maßnahmen Konzerne und große Unternehmen an den Tag legen um scheinbar für die gute Sache zu agieren. In der Realität sieht es allerdings ganz anders aus: Es geht um Ausbeutung der armen Bevölkerung durch Mikrokredite, verbunden mit brutalen, gewaltbereiten Geldeintreibern. Statt sich von den Konzernen ihre Solidaritätsstrategien zeigen zu lassen, macht sich Katrin Hartmann selbst auf die Spur und tritt mit den Arbeitern und Bauern in Kontakt. Diese müssen unter unmenschlichen Bedingungen, schlechter Bezahlung und Unterdrückung müssen arbeiten. Sie zeigt damit die Scheinheiligkeit der Nachhaltigkeitszertifikate und ökologischen Labels auf. Statt verantwortungsvollem Handeln und fairer Bezahlung, werden Einheimische gezwungen, kuriose Deals einzugehen und sich körperlich auszehren zu lasen.

Ausbeuterischer Kapitalismus

Im Wesentlichen beschreibt Katrin Hartmann in ihrem Buch die ausbeuterischen Machtstrukturen großer Unternehmen, wie Adidas, Danone oder Shell. Auf Kosten der Bevölkerung in ärmeren Ländern, darunter im globalen Süden vermehren sie ihren Reichtum auf ethisch bedenkliche Art und Weise. Der Lohn ist schlecht, die Arbeitsbedingungen miserabel und auch der Arbeitsschutz spielt dort eine untergeordnete Rolle. Eine besondere Kritik äußert sie über das Konzept des „ethischen Konsums“. Dabei wird suggeriert, dass durch bewusste Kaufentscheidung die Welt besser gemacht werden kann. Dieses „grüne“ Konsumparadigma spalte Gesellschaften, weil es Wohlhabenden erlaubt, sich ein grünes Gewissen zu kaufen, während sozial Benachteiligte außen vor bleiben. Dieses System auf Kosten Andere Kapital zu generieren ist ein gesellschaftliches Problem und lässt sich nur durch ein systemisches Neudenken ändern. Jeder Konsument und jede Konsumentin ist aufgerufen, sich über die Produktionsbedingungen zu informieren und Preisdumpings zu hinterfragen. Wir brauchen eine partizipative Mitbestimmung und müssen weg vom bestehenden Wachstumsparadigma.

Die Zukunft aktiv gestalten

Was das Buch so besonders macht ist, dass sich die Autorin selbst auf die Suche nach Einzelschicksalen und Graswurzelbewegungen macht, die sich zur Wehr setze. Menschen, die aktiv ihre Zukunft gestalten und sich nicht ihrem Schicksal ergeben. Sie leisten den Widerstand von „unten“. In El Salvador zum Beispiel sind es besonders Frauen, die sich dem patriarchalen Land entgegensetzen. Es sind Näherinnen, die sich die widrigen Arbeitsbedingungen und den Hungerlohn nicht bieten lassen und nach langem Kampf ein eigenes Werk gründen. Das benötigt eine Menge Mut, da die Frauen alle Sicherheiten opfern, die sie als Angestellte genießen.

Auf Hartmanns weiterer Reise geht es in die USA. Hier zeichnet sie den Weg von Aktivisten und Aktivistinnen, die sich gegen die petrochemische Industrie und deren Gesundheitlichen Auswirkungen auflehnen. Hier leiden die Menschen besonders in der Region „Cancer Ally“ massiv an den Folgen der chemischen Industrie. Sie kämpfen mit gesundheitlichen Problemen wie Krebs, Atembeschwerden und anderen chronischen Erkrankungen. Dies betrifft im überdurchschnittlichen Maße die Ärmsten der Armen. Aber auch in Griechenland lässt das Gesundheitssystem zu wünschen übrig. Auf ihrer Reise nach Athen, schildert die Autorin die katastrophalen Zustände des Gesundheitssystems. Die finanzielle Notlage Griechenlands zwang das Land zu massiven Einsparungen – besonders am staatlichen Gesundheitssystem. Nur durch den unermüdlichen Einsatz von Aktivisten und Aktivistinnen gelingt es, solidarische Kliniken aufzubauen und auch sozial benachteiligten Menschen eine Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Sie organisierten sich eigenständig, auf Spendenbasis und unabhängig vom Staat, um Menschen ohne Krankenversicherung und Geflüchtete zu versorgen. Ziel war es, die medizinische Versorgung solidarisch und inklusiv sicherzustellen: ohne Unterschiede bei Herkunft oder Status der Betroffenen zu machen.

Zusammenfassend zeichnet das Buch ein sehr schönes und motivierendes Bild lokal aktiver Menschen und Bewegungen. Es zeigt, wie solidarisches und beharrliches Engagement echte Veränderungen bewirken kann – eine Welt, die ein bisschen heller und gerechter wird. Die Botschaft ist: Wir alle tragen eine enorme Kraft in uns. Wenn diese Kräfte sich vernetzen und zusammenstehen, wird daraus eine starke, solidarische Gemeinschaft, die sich nicht von den Mächtigen und kapitalistischen Strukturen einschüchtern lässt. Das Buch ist ein Aufruf sich selbst seiner Stärke bewusst zu sein und die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Gemeinsam können wir Widerstand leisten, für Gerechtigkeit kämpfen und Stück für Stück die Welt zurückgewinnen.

Rezensiert von Lisa Falkowski

„Die Welt gewinnen-Mutig statt machtlos. Wie Menschen weltweit etwas bewirken, und was wir von ihnen lernen können“ von Katrin Hartmann, Ludwig Verlag, 2025, 304 Seiten, ISBN 978-3-453-28179-0

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