
„Kriminelle Machenschaften“ in der Natur
Sie lauern näher, als wir ahnen – und bleiben uns meist verborgen. Manche „Täter“ brauchen Zeit, Geduld und List, um sich mithilfe verschiedener Wirtsorganismen Schritt für Schritt zu ihrem erwachsenen Stadium zu entwickeln. Dann zählt für die Tiere nur eines: sich fortpflanzen und Eier ablegen. Pflanzen hingegen möchten Pollen produzieren und bestäubt werden – was ihnen dank raffinierter Fallen, Tarnungen und anderer einfallsreicher Tricks gut gelingt.
In ihrem unterhaltsamen und spannenden Buch „True Crime in Nature“ erzählt Farina Graßmann von kleinen und großen Lebewesen, denen alle Mittel recht sind, um zu überleben und sich fortzupflanzen. Koste es, was es wolle: Verstümmelungen, Manipulationen mithilfe chemischer Mixturen, Ausbeutung, feindliche Übernahmen oder gar Tötungsdelikte gehören zum „kriminellen“ Repertoire der Natur.
Doch kriminell wirken diese Taten nur aus menschlicher Sicht – etwa wenn die Raupe eines blauen Schmetterlings unerkannt in einem fremden Ameisennest lebt und von den ahnungslosen Knotenameisen gefüttert wird, bis sie schließlich die Brut ihrer Gastgeber vertilgt. Oder wenn eine Holzwespe Käferlarven im Totholz aufspürt, ihre Legeröhre ansetzt, die Rinde durchsticht und mit höchster Präzision in der darunter verborgenen Raupe ihre Kinderstube anlegt. Oder auch, wenn das Männchen der Gottesanbeterin vor lauter Liebesglück buchstäblich den Kopf verliert.
All diese „kriminellen Machenschaften“ sind jedoch nichts anderes als ausgefeilte Überlebensstrategien – Ausdruck der Anpassungsfähigkeit und der Gesetze der Evolution. Die Autorin beteuert:
„Auch wenn mir die menschlichen Verbrechen als Vorbild dienten, herrscht in der Natur doch ein anderes Rechtssystem und keiner der Täter hat sich mit ihren Taten schuldig gemacht. Deswegen verstehen Sie dieses Buch bitte als tiefe Verneigung vor dem Einfallsreichtum der Kriminellen, die Ihnen hier begegnen.“
Kriminalstatistik oder doch Nature Writing?
Das Sachbuch enthält neben spannenden Fakten auch persönliche Erlebnisse und amüsante Zwischenfälle, die der Autorin als Naturbeobachterin und Fotografin widerfahren. Sie schreibt äußerst witzig und lebendig. Die Geschichten aus dem Tier- und Pflanzenreich gehen unter die Haut – und zeigen, wie vielseitig und erfinderisch Lebewesen sein können. Auch und gerade jene Gestalten, die oft unbemerkt in unserer unmittelbaren Umgebung lauern: die Parasiten. Farina Graßmann warnt eindringlich davor, was geschehen könnte, wenn wir sie eines Tages vermissen würden:
„Das Aussterben von Parasiten kann sogar ganze Ökosysteme ins Wanken bringen. Denn sie sorgen wir große Raubtiere dafür, dass es nicht zu Überpopulationen kommt. Und sie verhindern, dass sich wenige gefährliche Parasiten unbegrenzt zu einem verheerenden Problem ausweiten.“
Im Vergleich zu Farinas früheren Fotobüchern fand ich in „True Crime“ nur einige ihrer wunderschönen Fotos – dafür glänzen auf nahezu allen Doppelseiten humorvolle Illustrationen von Cornelis Jettke. Sie erhöhen nicht nur den Unterhaltungswert, sondern helfen auch, sich an die beschriebenen „Kriminalfälle“ noch lange zu erinnern.
Und nicht zu vergessen: Es geht mitunter auch um „verhängnisvolle Affären“. Es lohnt sich zum Beispiel nachzulesen, warum sich eine Ratte ausgerechnet in eine Katze verlieben kann.
Vielleicht ist „True Crime in Nature“ letztlich selbst eine kleine Falle – eine, in die Leserinnen und Leser auf der Suche nach spannenden Kriminalgeschichten tappen, nur um dann zu entdecken, dass es in Wahrheit um den Überlebenswillen und den Erfindungsreichtum der Natur geht, die es zu bewahren gilt. Denn auch wir Menschen sind Teil dieser faszinierenden Geschichte.
TRUE CRIME IN NATURE. Diebstahl, Mord und Trickbetrug – Kriminelle Machenschaften unter Tieren und Pflanzen von Farina Graßmann,
Kosmos, 2025, 192 Seiten, mit Illustrationen von Cornelis Jettke
In der Leseprobe könnt ihr einen Blick ins Buch werfen.
Rezensiert von Anetta Ewa Trojecka
