Das Buch mit gelber Schrift auf grauem Grund steht vor einem Holzgitter

Zur Zeit sind „Kipppunkte“ ja ein stark diskutiertes Thema. Das Absterben des Amazonas Regenwald oder Schmelzen des grönländischen Eisschilds werden zum Beispiel als solche untersucht, weiß unsere Rezensentin für die Klimabuchmesse, die Naturwissenschaftlerin Tamara Emmerichs.

In seinem gleichnamigen Buch bezieht sich der Journalist Georg Dietz allerdings vielmehr auf gesamtpolitische, gesellschaftliche und ökologische Wendepunkte im Kontext des Themenbereichs Klima. Er gibt hier eine scharfsinnige und tiefgründige Beschreibung – eine Gesamtschau – des letzten Jahrhunderts. Detaillierte Analysen politischer und gesellschaftlicher Ereignisse liefern den interessierten und aufmerksamen Leser*innen die Gründe für die Krisen der Moderne. Ja, das Buch versteht sich auch als Gebrauchsanweisung für die Gegenwart.

„Und so bleibt die Hoffnung, dass dieses Buch so wirkt, wie es gemeint ist: Als Einladung, gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir gemeinsam weitermachen sollen. Es ist kein Werk der Melancholie oder des Pessimismus.“

Ein Bruch in der Geschichte

Der Reaktorunfall von Tschernobyl, 1986 in der damaligen Sowjetunion, wird als erster ökologischer Kipppunkt beschrieben. Aufgrund von Konstruktionsmängeln am Reaktor kam es damals zur Kernschmelze, dem sogenannten Gau. Der Wind trug die Strahlung weit, auch bis nach Deutschland und Schweden, weshalb das Ausmaß der Katastrophe so groß war und Schätzungen bis zu 100.000 Todesopfer und eine Vielzahl mehr an Invaliden umfassen. Eine ganze Generation war damals geschockt und ein Gefühl der existentiellen Bedrohtheit griff um sich.

„Das Bewusstsein also, das etwas fundamental falsch lief, war Ende der achtziger Jahre weit verbreitet. Der saure Regen […], das Loch in der Ozonschicht […] – es war deutlich, was der Mensch dem Planeten antat und was die Folgen davon waren, und Tschernobyl hatte den Eindruck zum Epochenphänomen gemacht.“

Die Menschheit war ein zu großes Risiko eingegangen, was mit dem prägnanten Begriff der Risikogesellschaft bezeichnet wurde. Man hatte der modernen Technologie vertraut und die Gefahren für Umwelt und Mensch nicht ausreichend bedacht. Ähnliche Ereignisse unterschiedlichen Ausmaßes wie zuletzt die Corona-Pandemie, die als Bruch oder Kipppunkt bezeichnet werden können, hebt Dietz im weiteren Verlauf des Buches hervor.

Die Wissenschaft vom Klimawandel

Der Klimawandel ist schon lange bekannt und immer besser erforscht. Bereits 1941, rund hundert Jahre nach der ersten Erforschung des Treibhauseffekts warnte der deutsche Meteorologe Hermann Flohn vor dem menschliche Einfluss auf das Klima, dem schädlichen Ausstoß des Treibhausgases Kohlenstoffdioxid und der daraus folgende Erderhitzung, wie allgemein bekannt ist. Unser Buchautor nennt als erstes Ereignis in der Geschichte der Klimawissenschaften die Veröffentlichung des Charney-Reports 1965, der den menschlichen Einfluss auf das Klima thematisiert. In dieser Zeit schrieb auch der Club of Rome seinen Bericht „Die Grenzen des Wachstums“, die bedeutendsten weltweiten Umweltorganisationen WWF, BUND und der NABU wurden gegründet, Willy Brandt erließ eine Reihe wichtiger Umweltgesetze und der amerikanische Präsident Jimmy Carter beauftragte einige Klimaberichte. Es waren also sowohl die wissenschaftlichen Fakten klar, als auch das Engagement und politische Aktionen vorhanden. Aber was ist passiert?

Die politische Kraft der Fossil-Lobby, z.B. in den USA, verhinderte wichtige Gesetze zu erneuerbaren Energien, die schon Mitte des 20. Jahrhunderts existierten. Die Gründung branchenübergreifender Koalitionen in der erdölbasierten Wirtschaft schaffte es, laut Dietz, von Beginn an gezielt Einfluss auf wissenschaftliche Berichte, wie die des IPCC (Weltklimabeirat), zu nehmen, und damit die wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Klimawandel zu verharmlosen und zu verschleiern. Klimaskeptiker oder -leugner bedienten sich derselben Strategien wie die Lobbyisten und unterdrückten jahrzehntelang erfolgreich eindeutige Forschungsergebnisse und Diskussionen über den Klimawandel. Maßgebliche Fortschritte auf den zahlreichen Konferenzen für Klima- und Umweltschutz litten leider nicht nur durch die Ungleichheit zwischen dem globalen Süden und den Industrieländern, sondern wurden auch aktiv durch die nördlichen Länder, Japan, USA und Sowjetunion, verzögert. Trotz all der destruktiven Kräfte und Ereignisse, die hier beschrieben werden, schließt der Autor das Kapitel dennoch mit einem hoffnungsvollen Zitat:

„Aufgeben ist jedenfalls keine Möglichkeit. Ohne Hoffnung kann man nicht kämpfen. Und ohne Kampf gibt es keine Hoffnung.“

Und was können wir tun?

Lasst uns also aus den gesellschaftlichen Kipppunkten der Vergangenheit lernen, so dass wir neue Wege finden, die Krisen der Gegenwart zu lösen. Alles was wir zur Lösung des Klimawandels brauchen, ist schon seit Ende der 1990er Jahre vorhanden.

„Kipppunkte. Von den Versprechen der Neunziger zu den Krisen der Gegenwart“, von Georg Dietz, Aufbau Verlag, 2025, 279 Seiten

Weitere Klimabuch-Tipps findest du in unserer Klimabuchliste.