Der Titel des Buches, schwarze Schrift auf lila Hintergrund "Die Regentrude" ist eingeblendet vor dem Hintergrund eines verschwommenen, hellgelben, sich bis an den Horizong erstreckenden Getreidefeldes, darüber ein strahlend blauer Himmel.
Die Klimakrise ist brandaktuell. Trotzdem möchte ich, Artemis Wind von der Klimabuchmesse, euch in dieser Rezension eine Erzählung vorstellen, die 162 Jahre alt ist. Das Kunstmärchen von der Regentrude wurde 1863 von Theodor Storm verfasst und behandelt ein Thema, das uns aus unserer Gegenwart erschreckend vertraut vorkommt: Dürre.

Dürren hat es schon immer gegeben und oft hören wir genau dieses Argument von Klimaleugner*innen, um die ökologische Katastrophe, auf die wir zurasen, zu relativieren. Andererseits kann die seit der Industrialisierung fortschreitende Entfremdung von der Natur als eine Wurzel heutiger Probleme betrachtet werden. Die Niederschrift der Regentrude fällt in einen Zeitraum, der für die Klimakrise als entscheidend anzusehen ist. Nicht nur aufgrund wirtschaftlicher und technischer Neuerungen, sondern auch aufgrund gesellschaftlicher Paradigmen, die sich durch das erstarkende Gefühl technischer Unabhängigkeit festigen. In der Tat lässt sich das Verhältnis von Wissenschaft und Mythos, wie es in Storms Märchen präsentiert wird, vor dem zeitgenössischen Hintergrund interessant neu interpretieren.

Ebenfalls werde ich auf die 2018 erschienene ARD-Verfilmung eingehen.

Kunstmärchen über: Dürre

Die Geschichte startet in einem typischen kleinbäuerlichen Märchensetting, doch das Problem ist das gleiche, mit dem die moderne Landwirtschaft kämpft: Dürre.

Die Erklärungen fallen indes unterschiedlich aus: Während der reiche Wiesenbauer auf sein Wetterglas vertraut, glaubt die alte Mutter Stine an eine Sage: Die Regentrude sei eingeschlafen und könne nur durch eine Jungfer geweckt werden. Da sich der Wiesenbauer im Übermut auf eine Wette einlässt, dass seine Tochter Marin den Sohn von Stine heiraten dürfe, wenn es bis zum Abend regnet, erklärt sich Marin für diese Aufgabe bereit: Sie will die Regentrude wecken, um Andrees zu heiraten. Ihr Vater hält die Trude weiter für ein Märchen.

Doch das ist sie nicht. Nachdem der Feuermann, eine weitere Sagengestalt, die die Hitze verkörpert, versehentlich sowohl den Weg zur Trude verraten hat, als auch den Spruch, durch den sie sich wecken lässt, bricht Marin mit Andrees auf. Eine versteckte Treppe hinunter gelangen sie in ein magisches Land, das dezent an Frau Holles Welt am Grunde des Brunnens erinnert. Dort findet Marin die Regentrude, kann sie wecken, den Brunnen öffnen, es regnet und die Hauptfiguren heiraten.

Was uns das Märchen heute sagen kann

So aktuell das Thema ist, so überkommen kann die Umsetzung erscheinen. Immerhin stellen Menschen, die lieber an Mythen als an die Wissenschaft glauben, eine der größten Hürden für angemessene Klimapolitik dar. Hat der Wiesenbauer nicht völlig recht damit, sich lieber auf das Wetterglas als auf ein Märchen zu verlassen? Dass am Ende die Märchenfigur die Rettung bringt, hat schließlich bloß damit zu tun, dass es sich bei der ganzen Erzählung gleichfalls um ein Märchen handelt.

Die mythologischen Wurzeln der Wissenschaft

Die Personifikation der Natur hat eine lange Tradition. Ihr heutiger Antagonismus zur Wissenschaft verdeckt jedoch rasch ihren ursprünglichen Erklärungscharakter. Naturgottheiten stellen erste Versuche dar, sich die Umwelt plausibel zu machen. Tatsächlich spielt Naturpersonifikation noch in der antiken Philosophie eine bedeutende Rolle und ebnet der Wissenschaft damit den Weg. So vermutet Empedokles hinter dem Zusammenhalt der vier Grundelemente in der Natur „Liebe und Hass“ als wirkende Kräfte – eine Theorie, die zumindest Parallelen zum chemischen Verständnis vom Anziehen und Abstoßen aufweist. Die Erklärung der Natur mittels menschlicher Motive zieht sich nicht grundlos wie ein roter Faden durch die antike Wissenschaft. Erst in der Neuzeit tritt an ihre Stelle ein neues Erklärungsmuster, das die Natur als willenlose Materie begreift und ihr Verhalten als absichtslose Mechanik. Götter, Geister und Fabelwesen werden ins Reich der Fantasie verdrängt. Diesem objektiven Blickwinkel will ich nicht widersprechen.

Allerdings mag eine gewisse Widersprüchlichkeit auffallen: Das wissenschaftliche Verständnis von der Natur ist einerseits die Grundlage einer technisierten Gesellschaft. Andererseits ist es diese Gesellschaft, deren Alltag immer weniger im Einklang mit natürlichen Kreisläufen steht. Weil sich die Auswirkungen einer Überwirtschaft in einer Agrargesellschaft unmittelbarer zeigen, treten sie stärker ins Bewusstsein. Gerade das neuzeitliche Europa liefert ein augenfälliges Beispiel für diese Ambivalenz. Der Beitrag, den der Lebensstil der/des einzelnen zur Erderwärmung leistet, ist im globalen Vergleich sehr hoch. Das kann im Widerspruch zu den gleichzeitig sehr guten Bildungschancen und dem Stellenwert der Wissenschaft in einer säkularen Gesellschaft stehen. Wie passt das zusammen, wenn es auf der anderen Seite die Wissenschaft ist, die am vehementesten vor der drohenden Katastrophe warnt?

Märchen als Brücke zur Umwelt

Weil die Natur nicht denkt oder empfindet wie ein Mensch, kann es uns schwerfallen, Empathie mit ihr zu haben. Wir sind nicht in der Lage, uns in Naturgewalten hinein zu versetzen. Insbesondere im humanistisch geprägten Europa lässt sich eine Neigung erkennen, Natur nicht nur als leblose Materie zu betrachten, sondern auch entsprechend zu behandeln.

Der Humanismus wird von einem menschenzentrierten Weltbild beherrscht. In Europa und vielen Weltgegenden, in denen humanistische Wertvorstellungen aufgrund der kolonialen Ausbreitung heute dominant sind, zeigt das gesellschaftliche Verantwortungsgefühl einen blinden Fleck in Bezug auf nicht-menschliche Entitäten.

Dass unserem Einfühlungsvermögen biologische Grenzen gesetzt sind, kommt erschwerend hinzu. Selbst das Innenleben empfindungsfähiger Tiere können wir nur begrenzt nachvollziehen, wie etwa Thomas Nagel in seinem berühmten Aufsatz „What is it like to be a bat“ ausführt. Wie können wir uns das Verhalten der Natur stattdessen plausibel machen?

Dem objektiven, wissenschaftlichen Blick auf die Natur steht eine lange Tradition der Antromorphisierung gegenüber. Das Übertragen menschlicher Motive auf Tiere, Pflanzen oder Wetterphänomene nimmt seinen Anfang in der Mythologie und hat mit dem Genre der Tierfabel gerade in der Blütezeit der humanistischen Aufklärung Methode. Auch heute ist Antromorphisierung ein beliebtes Mittel in Trickfilmen oder Büchern, das weit über die Kinderliteratur hinausgeht.

Vermenschlichung hat ihre Schattenseiten und steht teilweise zu Recht in der Kritik. Gerade die unbelebte Natur (z.B. die Atmosphäre) kann dadurch nicht angemessen abgebildet werden. Falsche Vorstellung sind die Gefahr. Gleichzeitig ist es eine – vielleicht sogar die einzige Möglichkeit – die Natur nicht nur auf einer rationalen Ebene zu erklären, sondern eine emotionale Verbindung zu ihr aufzubauen.

In diesem Sinne hebt etwa Yuval Noah Harari die Schlüsselrolle von Geschichten hervor. Insbesondere über Personifikation können wir uns der Welt jenseits unserer menschlichen Perspektive nähern, selbst wenn wir wissen, dass hinter Naturgesetzen ganz andere Gewalten stecken als ein bewusster Wille. Insofern sind Natur-Märchen stets so aktuell wie zu Zeiten antiker Gottheiten, die Gewitter oder die Launen des Meeres erklären sollten. Auf keinen Fall können oder sollten sie an die Stelle der Wissenschaft treten. Genauso wenig kann die Wissenschaft allerdings umgekehrt die Geschichten ersetzen.

Mythologie versus Wissenschaft:

Der Unglaube an Sagengestalten spielt in Storms Erzählung eine zentrale Rolle. Der Wiesenbauer hört auf sein Wetterglas, die alte Witwe Stine mit ihrer Legende von der schlafenden Regenfrau wird ausgelacht. Auch das lässt sich jedoch als Metapher deuten und angesichts der Märchenwelt mit ihren Märchengesetzen umgedreht zu unserer Wirklichkeit betrachten: Während es in der Realität klüger wäre, der realen Wissenschaft zu vertrauen, sollte eine Märchenfigur lieber auf die Logik eines Märchens setzen. Es ist das Verständnis der Welt der Mutter Stine, die zur aktiven Handlung führt und damit zum Ende der Dürre, während sich der Wiesenbauer lieber auf seinem Wohlstand ausruht – der aber auch von der Dürre bedroht ist.

Die Verfilmung und das Märchen im Vergleich

Die ARD hat das Märchen jüngst wieder aufgegriffen. Klimawandel spielt in der Verfilmung keine Rolle, auch wenn sich diese Deutungsweise bei der Verfilmung genauso aufdrängt wie bei der Erzählung.

Die auffälligste Änderung stellen dazuerfundene Figuren dar. Darüber hinaus bekommen Nebencharaktere wichtigere Rollen als im Original. So etwa der Feuermann, der die Protagonistin und ihren Geliebten unterwegs immer wieder aufzuhalten versucht. Obwohl ich diese Eingriffe im Märchen genauso wenig vermisst habe wie die neuen Figuren, gewinnt die Verfilmung dadurch. Spannend ist auch, dass die Personifikation dadurch weitergetrieben wird. Denn die Elfe ist bei Storm ein Vogel und der Fährmann ein Fluss. Während sich den Hauptfiguren in der Verfilmung der Feuermann in den Weg stellt, ist im Märchen die Landschaft, insbesondere die Hitze das Hindernis.

Fazit
Obwohl Storms Märchen den Klimawandel nicht bewusst behandelt, ist es heute entsprechend deutbar.
Es spiegelt unsere Abhängigkeit von der Natur wieder und regt dazu an, unsere heutige Beziehung zur Umwelt zu hinterfragen.

„Die Regentrude“, von Theodor Storm, 1863, 22 Seiten (A4), bei Projekt Gutenberg zu finden

Weitere Klimabuch-Tipps findest du in unserer Klimabuchliste.