Foto: Zu sehen ist das Buch "Ökotopia" von Ernest Callenbach in zwei Auflagen. Links die Auflage von 1990 vom Rotbuch Verlag, rechts die Neuauflage von 2022 vom Reclam Verlag. Beide Bücher liegen auf einem petrolfarbenden Holztisch, welcher teilweise im Hintergrund zu sehen ist. Die Bücher nehmen jedoch den Großteil der Fläche des Fotos ein. Das linke Cover ist in der unteren Hälfte gelb und in der oberen Hälfte rosa. Unten ist der Titel des Buchs in hellgrün zu sehen, oben der Name des Autors in hellblau. Fast auf dem gesamten Cover sind zwei rote, stilisierte Blumen zu sehen. Das linke neue Cover ist komplett in dunkelblau, der Titel des Buchs ist in weiß über die obere Hälfte erschreckt und mit stilisierten kleinen Blumen versehen. Unter dem Titel ist eine kleine stilisierte hellgrüne Weltkugel zu sehen, darunter der Name des Autors in weiss. Links oben auf das Foto gesetzt: Logo der Klimabuchmesse (Schriftzug, darüber ein aufgeschlagenes Buch, auf dem eine stilisierte Weltkugel liegt).

Ich weiß noch, wie ich letztes Jahr in meiner Lieblingsbuchhandlung diesen tollen Einband sehe. Das Hardcover wirkt wie recyceltes Papier, im Umschlag steht „klimaneutral gedruckt“ und ein paar Blümchen ranken sich um den Titel „Ökotopia“. Dann macht es klick und ich hätte vor Freude jedem in der Buchhandlung erzählen können: „Juhu, „Ökotopia“ ist neu aufgelegt!“

Reclam veröffentlicht Klassiker neu

Zum ersten Mal habe ich diese beeindruckende Ökofiction 1992 gelesen. Mein Exemplar, auch mit Blumen auf dem Einband, wurde 1990 gedruckt und vom Rotbuch Verlag herausgegeben. Dieser hatte den heutigen Klassiker des Solarpunk 1978 erstmals auf Deutsch veröffentlicht, der nun in neuer Übersetzung von Reclam wieder auf den Markt gebracht wurde. Diese ist – zumindest bei den Stichproben, die ich gemacht habe – dem Original etwas getreuer.

Der erste US-Journalist in Ökotopia

Und so fängt das Buch an:

„Endlich kann die Times-Post mitteilen, dass William Weston, unser bester Reporter für internationale Beziehungen, von kommender Woche an sechs Wochen in Ökotopia verbringen wird.“

Mit dieser Einführung zeigt Callenbach, dass er mit seiner 1975 geschriebene Utopie das Gesellschaftssystems der USA hinterfragen wird. Sein Ich-Erzähler bereist 1999 das ihm unbekannte Ökotopia, dass sich zwanzig Jahre zuvor von den USA abgespalten hat. Weston will den Gerüchten über die fragwürdige Lebensweise der Bewohner*innen auf den Grund gehen und gleichzeitig eine politische Annäherung der beiden Länder unterstützen.

Im Mittelpunkt: Generationengerechtigkeit

Der Journalist recherchiert sowohl skeptisch als auch neugierig, in allen Lebensbereichen und Strukturen Ökotopias. Dazu gehören unter anderemdie Medienpräsenz und die saubere Energiegewinnung, das Funktionieren eines Wirtschaftssystems bei einer 20-Stunden-Woche, die Haltung zu Sport und Kämpfen und das Bildungs- und Gesundheitswesen. Gleichzeitig versucht er über lange Zeit vergeblich, einen Termin bei Staatspräsidentin Vera Allwen zu bekommen, deren Überlebenspartei „im Kampf um die Unabhängigkeit eine Schlüsselrolle spielte.“

Doch zuerst findet Weston seine Anreise beschwerlich. Mit dem Flugzeug geht gar nichts, und als er mit dem Taxi beim Grenzposten ankommt, beglückwünscht ihn dieser, dass er einen Tag erwischt habe, an dem der Wind aus Westen kommt. Denn nur deshalb darf er sich mit dem Taxi zum ersten Bahnhof hinter der Grenze bringen lassen. Dass es sich mit Zug und Fahrrad sehr gut reisen lässt, lernt Weston jedoch im Laufe der Geschichte zu schätzen.

Wahrhaftigkeit als höchster Wert

Suspekt ist ihm anfänglich auch die Freundlichkeit der Ökotopianer*innen. Er wittert schnell Hintergedanken, erkennt aber nach und nach, dass diese Gesellschaft durch Ehrlichkeit und Respekt funktioniert. Langsam öffnet er sich diesem Wertesystem, bei dem nicht die neueste Mode oder eine weiße Fassade, zählt – bei seiner ersten Zugfahrt blickt er noch aus dem Fenster und überlegt kritisch:

„Anscheinend würden sie ein Haus lieber mit Kletterpflanzen oder Sträuchern versehen, als es anzustreichen.“

Gleichheit und Gerechtigkeit – die Basis der Freiheit

Als persönliche Auseinandersetzung hat Callenbach Weston die Diskussion um die Geschlechterrollen mitgegeben. Denn die Ökotopianerin Marissa entscheidet sich für ihn als Liebhaber. Er verliebt sich auch, knabbert jedoch daran, wie in Ökotopia Beziehungen gelebt werden. Dass Callenbach dem Geschlechterverhältnis eine solch zentrale Rolle in der Bildung einer egalitären, ökologischen Gesellschaft zuschreibt, hat mich sehr beeindruckt. Ein Extra-Applaus dafür und für ein Buch, dass zwar nie für seine literarische Raffinesse ausgezeichnet werden wird, doch inhaltlich auch heute noch einmalig ist.

Randnotizen:

Ernest Callenbach veröffentlichte seinen Roman zuerst im Selbstverlag, da sein Buch vielfach abgelehnt wurde. Als „Ökotopia“ dann zum Underground-Hit aufstieg, übernahm ein größerer Verlag und es folgten Übersetzungen in über ein Dutzend Sprachen.

Aufgrund vieler Nachfragen dazu, wie die Abspaltung Ökotopias von den USA erfolgte, schrieb Callenbach 1981 einen weiteren Roman, „Ecotopia emerging“, der nicht auf Deutsch erschien. 2021 veröffentlichte Banyan Tree Books beide Bücher in einer Gesamtausgabe „Complete Ecotopia“.

Nichts gegen Blumen als Cover, doch als Klarstellung: In diesem Buch spielen sie keine tragende Rolle.

Die Weltkugel, die bei der Reclam-Ausgabe auf dem Umschlag und vor jedem Kapitel zu sehen ist, zeigt den Atlantik und nicht den Pazifik, an dem das Land Ökotopia liegt.

„Ökotopia“ von Ernest Callenbach ist in der Neuauflage 2022 bei Reclam erschienen. In der Leseprobe könnt ihr einen Blick ins Buch werfen.

Weitere Klimabuch-Tipps findest du in unserer Klimabuchliste.