
Mauersegler, die mitten im Sommer aufbrechen und eine Leere in uns zurücklassen, ein Polarfuchs auf seiner Wanderung über vereiste Meeresflächen, Aale, die über Tausende Kilometer unterwegs sind – dank Sofia Kimmigs neuestem Band „Move! Wie Fortbewegung das Leben der Tiere bestimmt“, erschienen in Hanser Verlag, sind wir den beeindruckenden Nomaden der Tierwelt unmittelbar auf der Spur.
Wir sind Teil der Reise
In „Move!“ erfahren wir, wie unterschiedlichste Lebensformen auf der Erde entstanden sind und was einzelne Arten einst dazu bewog, den ersten Flossen- oder Flügelschlag, den ersten Schritt an Land zu wagen. Oft führte dieser Schritt in eine freiere, zugleich aber energieraubendere und nicht selten gefährlichere Lebensweise. Einige Kapitel widmen sich der Genese verschiedener Bewegungsformen, andere vertiefen die Frage, wie wandernde Tierarten sich auf langen, hindernisreichen Strecken zuverlässig orientieren. Wieder andere beleuchten, wie Fortbewegung insgesamt zur Entstehung und Vielfalt der Arten beigetragen hat.
Die wenigsten Bewegungen erfolgen willkürlich, sie folgen einem Ziel, und durch ihre Ziele entstehen Beziehungen und Gesetzmäßigkeiten, die sich bei näherer Betrachtung offenbaren.
Vor allem jedoch lädt uns die junge Biologin und Bestsellerautorin ein, selbst Teil dieser Reise zu werden:
Ich wünsche mir, dass Sie einen Eindruck von der unglaublichen Vielfalt des bewegten Lebens bekommen. Dass Sie sich mit mir aufrichtig daran erfreuen, in Ehrfurcht vergehen, Trauer empfinden und nachdenklich sein können.
Vom menschengemachten Stillstand
Wenn Sofia Kimmig die gefiederten, Flossen tragende oder auch auf Hufen wandernden Protagonisten in lebhafter Sprache porträtiert, entstehen eindrucksvolle Nah- und Fernaufnahmen, in denen Lebenskraft und Überlebenswille spürbar werden. Zugleich wird deutlich, wie fragil diese Welt ist: Sie fällt zusammen, wenn dem natürlichen, instinktiven Bewegungsdrang der Tiere künstliche Grenzen gesetzt werden, so etwa den Gnus im Norden Namibias und in Botswana, die mitten in ihrer zyklischen, jahreszeitlichen Wanderung durch kilometerlange Zäune aufgehalten wurden und zu Tausenden verdursteten, beim Monarchfalter, dessen Nahrungsquelle – die Seidenpflanze – durch den menschengemachten Klimawandel zunehmend verschwindet. Oder bei den Aalen, die nach ihrer erschöpfenden Reise durch Ozeane und Meere endlich den Fluss erreichen, den ihre Eltern einst verlassen haben – nur um an einer undurchdringbaren Wand zu scheitern: einem von Menschen errichteten Damm, der ihre Wanderung – und damit ihren Lebenszyklus – unterbricht. Die Art stirbt langsam aus.
Fürsorge und Faszination aufleben lassen
Der jüngste IPBES-Bericht zur Rettung der Biodiversität fordert einen Paradigmenwechsel in der Beziehung zwischen Mensch und Natur: weg von Dominanz und Ausbeutung, hin zur Anerkennung unserer Verbundenheit und zu Fürsorge. Um die Biodiversität zu bewahren, müssen wir die Natur in ihrem ganzheitlichen Wert wahrnehmen, sie kennen und respektieren. Dafür braucht es Botschafter*innen, die nicht nur den Verstand, sondern auch und vor allem die Herzen erreichen. Sofia Kimmig ist eine von ihnen.
In „Move!“ beschreibt sie nicht nur die Techniken, mit denen Tierarten auf ihren Routen beobachtet werden. Sie lässt uns auch an der tiefen Freude und Ergriffenheit eines Forscherpaares teilhaben. Die beiden haben an einem abgelegenen Ort in Mexiko eine Brutstätte der Monarchfalter entdeckt – nach jahrelanger Suche, die Zeit, Geduld, Faszination und Ehrfurcht vor den wunderbaren Lebewesen und ihren komplexen Lebensnetzwerken erforderte. Es sind Netzwerke, zu denen auch wir gehören. Die Betonung liegt auf auch.
Ein kleiner Spoiler sei erlaubt: Es geht auch um invasive Arten – darunter uns Menschen. Schon unsere fernsten Vorfahren waren Nomaden. Heute jedoch tragen wir in besonderem Maße zur ungewollten Verbreitung von Arten bei, die sensible Ökosysteme destabilisieren oder zerstören können:
Ökosysteme sind um ein Vielfaches komplexer, als vielen Menschen bewusst ist. Aus Unwissenheit oder Arroganz griffen und greifen sie daher immer wieder darin ein und sind dann von den massiven Folgen überrascht.
Damit Leben in Bewegung bleibt
Zahlreiche Zitate aus Philosophie, Literatur und Dichtung sind in den Text eingeflochten und laden zum Nachdenken und Mitfühlen ein. Hinzu kommen eigene Aphorismen der Autorin, in denen sich ihre präzise, wissenschaftlich fundierte Beobachtungsgabe mit einem spürbaren Faible für Literatur und Philosophie verbindet. Ein Unterkapitel beginnt mit Rilkes „Der Panther“ – einem Gedicht, das in „Move!“ erneut auflebt und zutiefst berührt.
Auf den letzten Seiten des Buches richtet sich der Blick schließlich auf die Hoffnung: darauf, dass wir Menschen die Artenvielfalt noch bewahren können, damit das Leben in Bewegung bleibt. Sofia Kimmig zeigt hierfür wirksame Ansätze sowie deren erste Erfolge auf und ermutigt zum Weitermachen:
Noch mag der weltweite Rückgang des bewegten Lebens erschütternd sein und die Prognose düster, wenn wir nicht grundlegend etwas verändern. Aber wir können etwas verändern! Wir haben das Wissen und die Mittel, diese Welt zu erhalten, wenn wir beides klug einsetzen.
Die Lektüre hat mich bereits mit den ersten Zeilen abgeholt und nicht mehr losgelassen. Tut euch „Move!“ unbedingt an – und lasst euch bewegen!
Rezensiert von Anetta Ewa Trojecka.
„Move! Wie Fortbewegung das Leben der Tiere bestimmt“ von Sophia Kimmig, Hanser Literaturverlage, 2025. 384 Seiten, , ISBN: 978-3-446-28110-3
Hier geht es zur Leseprobe.
Weitere Klimabuch-Tipps findest du in unserer Klimabuchliste.
