
Schon der Titel „Auf dem Sonnendeck der Titanic? Nachdenken über gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit“ von Vera Kattermann, vermittelt die zentrale Metapher unserer Gesellschaft im Kontext bestehender Krisen, so die Rezensentin für die Klimabuchmesse, Lisa Falkowski. Erschienen im Psychosozial-Verlag, setzt sich die Autorin in ihrem Buch mit der bedeutenden Frage der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft auseinander. Dazu formuliert sie fünf zentrale Fragen, denen sie sich kapitelweise widmet:
- Wie kann ich mir die gesellschaftliche Krisensituation, in der wir uns aktuell befinden, bildhaft verständlich machen?
- Welche menschheitlichen Geschichten über Zukunftskrisen helfen mir, die bewussten und unbewussten Bedeutungen der gegenwärtigen gesellschaftlichen Dynamiken zu verstehen?
- Wie kann ich meine Gefühlsreaktionen auf die gegenwärtigen Bedrohungsszenarien präzisieren und einordnen?
- Wie erhellt sich das aktuelle gesellschaftliche Ringen um Zukunftsfähigkeit mithilfe von sozialpsychologischen und gruppenanalytischen Theorien?
- Was würde es bedeuten, wenn wir einer zerstörerischen Kriseneskalation nicht mehr entkommen können?
Die Titanic
Als Metapher unserer derzeitigen Krisensituation mit Klimawandel und Kriegen nutzt Kattermann das Bild der Titanic mit den verschiedenen Decks und damit verbunden gesellschaftlichen Klassen. Je nach Deck und Zustand der Überflutung, wird die Lage differenziert betrachtet und die Notlage auch unterschiedlich wahrgenommen. Diese Versinnbildlichung gesellschaftlicher Schichten, die sich gemeinsam mit den Risiken auseinandersetzen müssen, spiegelt die Situation, in der wir uns befinden, sehr gut wider. Es besteht die Wahl im Luxus zu verharren, oder sich gemeinsam der drohenden Gefahr des Untergangs zu widmen. Diese Wahlmöglichkeit fordert ein Verantwortungsbewusstsein und kollektive Zusammenarbeit eines jeden und einer jeden Einzelnen.
Das Ende naht
Die Geschichte der Menschheit ist schon immer von sogenannten Endzeitszenarien geprägt, so die Autorin. Diese Vorstellung des nahenden Endes findet man in jeder Kultur und Religion über den Globus verteilt. Vera Kattermanns These zu Endzeitszenarien ist, dass diese kulturellen und gesellschaftlichen Darstellungen als Manifestationen archaischer Ängste vor dem Zusammenbruch aller existenziellen Verbindungen zu verstehen sind. Sie zeigen, wie tief verwurzelte Furcht vor dem Ende der Welt und sozialen Katastrophen die kollektive Psyche prägt. Endzeitszenarien wirken dabei ambivalent: Sie können einerseits Angst und soziale Trennungen verstärken, andererseits aber auch den Impuls für Solidarität und Hoffnung wecken. Wichtig ist, laut Kattermann, diese Ängste bewusst zu reflektieren, um ihnen nicht hilflos ausgeliefert zu sein, sondern sie als Anstoß für gemeinsames, verantwortungsvolles Handeln und Zukunftsgestaltung zu nutzen.
Der Hoffnungskonflikt
Im 4. Kapitel geht es um die Gegenspieler Angst und Hoffnung, die durch ihre Gegensätzlichkeit die notwendigen Kräfte für eine Veränderung mobilisieren. Kattermann erörtert wie aus Unsicherheiten und Bedrohungen, schöpferische Kräfte werden können, um Lösungen zu visualisieren
Im Kapitel 5 setzt sich Vera Kattermann tiefer mit den inneren Konflikten einer Gesellschaft auseinander. Diese befindet sich in einem Zwiespalt zwischen Hoffnungen und realistischen Umsetzungsmöglichkeiten. Daraus resultiert eine Spannung hinsichtlich der gesellschaftlichen Erwartungen an jeden Einzelnen und den tatsächlichen Handlungsräumen. Eine Ambivalenz die nicht selten in Resilienz endet. Dies bezeichnet die Autorin als Hoffnungskonflikt und skizziert sehr eindrücklich die Rolle der Mächtigen in diesem Zusammenhang. Hier entsteht der Konflikt zwischen der Erhaltung des Komforts des besser gestellten Gesellschaftsteils und der Hoffnung auf Kursänderung und der besseren Verteilung von Gütern des wirtschaftlich schlechter gestellten Gesellschaftsteils. Hoffnungen sind damit nicht nur Ausdruck von Wunschvorstellungen, sondern erzeugen auch Ausschlüsse und Abwehr gegenüber anderen Lebensmodellen.
Zukunftsfähigkeit durch Metamorphose
Das vorletzte Kapitel handelt vorwiegend von Zukunftsarbeit in Krisenzeiten. Hier geht es um konkrete Lösungsansätze, wie eine Gesellschaft und jede/r Einzelne dabei Verantwortung übernehmen kann. Kattermann betont die Bedeutung von Engagement, Kreativität und solidarischem Handeln, um gesellschaftliche Transformationsprozesse bewusst und aktiv zu gestalten. Das Kapitel verbindet theoretische Reflexionen mit praktischen Impulsen zur Teilhabe und Selbstermächtigung in Zeiten tiefgreifender Veränderungen.
In den letzten beiden Kapiteln liegt der Fokus auf Zukunftsvisionen, der Metamorphose einer Gesellschaft und den Handlungsspielräumen. DIe Autorin nutzt dabei die Analogie einer Raupe, die über den Prozess der Verpuppung und vollständigen Selbstauflösung, sich neu zusammensetzt und etwas Wunderschönes erschafft. Diese Versinnbildlichung soll den gesellschaftlichen Transformationsprozess symbolisieren, welcher über den Weg der kompletten Auflösung geht. Nur eine Auflösung aller bestehenden Strukturen bietet die Möglichkeit einer Neuordnung bzw. eines Wandels. Erst wenn alles zusammenbricht, kann Neues entstehen. Im Grunde soll es den Mut geben, dass diese Krisen zu einer positiven Wandlung unserer Gesellschaft führen können, wenn wir die richtigen Weichen stellen und uns selbstwirksam für einen positiven Wandel im eigenen Wirkungsradius einsetzen. Wir sind damit die Gestalter unserer Zukunft und können durch Zusammenhalt und Miteinander eine sozial gerechte und demokratische Gesellschaft schaffen.
Vera Kattermann hat die thematische Komplexität sehr gut herausgearbeitet und regt mit ihrem inhaltsreichen, psychologischen und politischen Buch dazu an, sich tiefer mit gesellschaftlichen Prozessen zu beschäftigen. Am Ende geht es um Selbstwirksamkeit und Verantwortung, die jeder von uns übernehmen kann. Das Handeln steht im Vordergrund und motiviert dazu, Aufzustehen und die Dinge selbst anzupacken. Eine große Anzahl an Literaturverweisen und Quellenangaben verlockt zu tieferen Recherchen.
„Auf dem Sonnendeck der Titanic? Nachdenken über gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit“ von Vera Kattermann, Psychosozial Verlag 2025, 162 Seiten, ISBN: 978-3-8379-6370-0
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