Autor und Herausgeber Tim Holland, der 1987 in Tübingen geboren wurde, hat mit „wir zaudern wir brennen“ eine Grammatik der Elemente geschrieben. “Wasser stieg, war gestiegen, stieg weiter” — die Landschaft in diesen Gedichten ist in Bewegung, der Boden unter den Füßen nicht sicher, alle paar Schritte, alle paar Seiten gerät etwas ins Rollen, was nicht mehr aufzuhalten ist. Die Frage “wann waren wir zuletzt winter gewesen?” impliziert etwas, dass wir schon lange wissen, und uns nicht eingestehen wollen.

Den derzeit zu beobachtenden klimatologischen, technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen stellt sich Holland, gelernter Buchhändler und Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, mit poetischem Scharfsinn und hintergründigem Witz. Ein waberndes Wir bespricht mal fordernd, mal fragend die Herausforderungen eines unberechenbaren Klimas und zieht dabei alle Register. In Ordnern sortiert versammelt der Anhang „ungefragte manifeste“, zum Beispiel den „trotzgesang des kollapszistischen kollektivs“, das „nicht mehr an die/unendlichkeit eines endlichen systems“ glaubt. Es gibt Reden, Hymnen und Aufzeichnungen zu neuen Wesen, wie dem „nodatum“, das hier kein Bakterium bezeichnet, sondern „ein knoten ohne gedächtnis“. 2016 erschien Hollands Debüt »vom wuchern« im Gutleut Verlag. Bereits damals führte das Spiel mit der Form zu einem mit Karte und Heft ausgestattetem Band, in dem Wort und Wald wild wuchern und ein Text-Wurzel-Geflecht bilden. Auch hier verbindet sich das Wort zuweilen zu grafischem Anschauungsmaterial. Von der simplen Liste hin zum perpetuum mobile des Klimas.

2022 gab Holland gemeinsam mit Lukas Dubro eine Anthologie mit dreizehn Beiträgen von Autor*innen wie Jumoke Adeyanju, Svenja Viola Bungarten, Joshua Groß, Anna Hetzer, Samuel J. Kramer, Benedikt Kuhn, Anja Kümmel, Rudi Nuss, Anne Oltscher, Philipp Schönthaler, Maxi Wallenhorst. heraus. Unter dem Titel „Kollaps und Hope Porn“ dachten die Schreibenden über mögliche Zukünfte nach und schlossen damit eine große Lücke in der Klimaliteratur, die sich häufig am Verlust abarbeitet, ohne Alternativen anzubieten.

Eine solche Alternative bietet auch „wir zaudern, wir brennen“ — und schafft dank seines teilweise absurden Ideenreichtums heitere Momente des Erkennens: Wenn in Berlin nach einem Feuer der Strom ausfällt, oder wenn in Susan Sontags „Vucano Lover“ ein Prager Philosoph den Vesuv enthaupten will, dann schlägt sich Hollands Lyrikband wie von selbst auf und erzählt uns etwas vom Bemühen um unsere Welt und dem Scheitern an uns selbst.

Rezensiert von Linn Penelope Rieger.

wir zaudern, wir brennen“ von Tim Holland, Matthes und Seitz, 2022, 110 Seiten, ISBN: 978-3-7518-7002-3

Weitere Klimabuch-Tipps findest du in unserer Klimabuchliste.