Im Gedichtband »endlich regen« von Samuel Kramer geistern internationale Warenströme, alles umspannende Netze von Verlusten und komplexe Datensätze durch die Seiten. Der Engeler Verlag aus der Schweiz hat mit diesem Buch ein auf beste Weise eigensinniges Werk verlegt. Immer wieder zieht sich der »Versuch,/Abwesenheit lesbar zu machen«, durch die Gedichte Kramers, welche*r gerade an einer Promotion zu Affektiver Gerechtigkeit und Emotionaler Kompetenz im Angesicht globaler Krisen arbeitet. Die fast schon essayistisch mäandernden Gedichte suchen Worte für den Verlust, zeichnen bestehende globale Verbindungen nach und zeigen neue auf: Zum Beispiel die zwischen ausgestorbenen Tigern auf Sumatra und versiegelten Flächen in deutschen Städten. Das klingt niemals theoretisch, denn die »Theorie/zündet draußen im Garten die Igel an.« Kramers Zugriff ist stets unerwartet originell: »biest nicht mehr zu bergen harzt aus/den läsionen tritt honigschwarz kitt/schlucht restkraft adhäsion rafft gr/enzen bröckeln dahin in nen nebel zu/schreiten an tannen gneis rollen fis/sionen als schatten verhärtet in blo/cks voll im saft perdu steckst in der gemme«.
Klang ist das entscheidende Stichwort in Kramers Texten. Lautmalerisch treibt Kramer die Worte vor sich her und führt sie in neue Sprachräume (»wenn der regen fällt dann dank damn damm«). Als aktiver Bestandteil der Sporen Word-Szene sind die Texte Kramers immer auch Geräusch und gehören deshalb unbedingt laut gelesen.
Die in Kramers Texten enthaltene spielerische Ernsthaftigkeit macht »endlich regen« gleichermaßen zum Trostpflaster wie zu der Hand, die es herunterreißt. Doch auch die Fallstricke der Worte lässt Kramer nicht außer Acht: Was kann die Lyrik für das Klima leisten angesichts des Umstands, dass sie kaum rezipiert wird? Und inwieweit verstärkt unkonventionelles Denken die bestehenden Konventionen zwischen Wahrheit und Glaube, zwischen Stören und gehört werden. Dass Samuel Kramer diese Fragen umtreiben, spiegelt sich auch in Kramers Mitarbeit an der Anthologie »Poetry for Future. 45 Texte für Übermorgen«, welche Texte zur Klimakatastrophe, dem Artensterben und der möglichen Zukunft versammelt. Man gewinnt den Eindruck, Kramer habe sich diesen Fragen mit einer unauflöslichen Verbindlichkeit verschrieben. Sie verleiht Kramers Arbeiten eine deutlich zu spürende Dringlichkeit, die weit über ihr Thema hinausgeht.
So wird auch »endlich regen« nicht nur zu einer Befragung des Zustands unserer Welt und ihrer Bewohner:innen, sondern auch zur Befragung des Gedichts selbst. »“Was, wenn doch?“,/fragt das Gedicht und engagiert/eine hypersensible Methode, um die eigene Flora/neu zu erfassen.« Kramer weiß, dass man die Gedichte immer wieder befragen muss, und dass die Antworten sich mit jedem Lesen ändern können. Schritt für Schritt werden so noch verbliebene Lebensräume vermessen — das lyrische Ich ersehnt »verben wie regen«, doch der wird immer seltener. Das Einzige, was zunimmt, ist die Leerstelle dessen, was wir verloren haben. Wenn es ein Rezept dagegen gibt, dann lautet es: »Den Überfluss von Untergängen/ansprechen« und dagegen anschreiben, wie Samuel Kramer es tut.
Rezensiert von Linn Penelope Rieger.

