Es gibt viele Wege, der Natur zu begegnen. Doch wie oft tun wir das wirklich bewusst – so vertieft, dass wir völlig die Zeit vergessen? Das wunderbar illustrierte Buch Nature Journaling der Künstlerin, Pädagogin und Naturforscherin Verena Hillgärtner lädt genau dazu ein. Unsere Rezensentin Anetta Ewa hat es gelesen – und sich prompt zum Zeichnen in der Wildnis mitreißen lassen.
Was ist eigentlich Nature Journaling?
Nature Journaling bedeutet, die Wunder der Natur mit einem Skizzenbuch und offenem Herzen zu entdecken. Es ist
„(…) kein abgeschlossenes, für sich stehendes Hobby oder staubiges Buch, sondern ein immerwährender Prozess, der den Alltag durchdringt und begleitet.“
Verena Hillgärtner führt uns mit kurzen, bildhaften Anleitungen behutsam an diesen Prozess heran. Mit Papier und Stift begegnen wir der Natur – und zugleich uns selbst – auf besonders intensive Weise. Es geht ums Hier und Jetzt, um kreatives Ausprobieren, ums neugierige Staunen.
Damit es nicht bei ersten Versuchen bleibt, nimmt uns die Autorin mit nach draußen: in den Park, den Wald, auf eine Wiese. Dort stellt sie einfache, spannende Übungen vor und vermittelt Techniken, die helfen, die Scheu vor dem leeren Blatt zu überwinden. Auch den häufigen Begleitern des kreativen Schaffens – Selbstzweifeln – begegnet sie mit hilfreichen Impulsen. Und wenn die anfängliche Begeisterung einmal nachlässt? Auch dafür gibt sie einen wertvollen Rat: Setze dir persönliche Ziele.
„Mit einem klaren Ziel vor Augen kannst du Journaling ganz bewusst einen festen Platz im Leben geben.“
Nicht deine Zeichenkünste zählen – sondern dein Moment in der Natur
Verena Hillgärtner ist eine geduldige Begleiterin in die Welt des Nature Journalings. Wer ihr folgt, darf den Anspruch auf Perfektion gleich ablegen. Denn es geht nicht darum, aus Naturphänomenen Kunstwerke zu schaffen. Vielmehr geht es darum, die Welt um uns herum mit allen Sinnen – und dem Herzen – wahrzunehmen. Selbst eine winzige Blüte oder summende Biene kann die kindliche Freude an der Natur in uns neu entfachen. Und oft entdecken wir Schönheit dort, wo wir sie längst nicht mehr vermutet haben.
„Beim Nature Journaling geht es nicht darum, schöne Bilder zu malen. Sondern um dich, deine Naturverbindung und deine Neugier auf all die Wunder dieser Welt.“
Auch ich, die Autorin dieser Rezension, habe mein Skizzenbuch geschnappt und mich ins Grüne begeben. Warum? Weil Zeichnen mir hilft, mich später an die Pflanzen und Tiere zu erinnern, denen ich begegnet bin – an ihre Namen, ihre Geschichten. Und weil es Wunder gibt, die kein Handyfoto je so innig festhalten kann wie ein eigener Strich.
So wurden etwa ein paar stille Minuten auf einem Hügel besonders belohnt: Ich glaubte zu verstehen, warum der Stechende Hohlzahn seinen wehrhaften Namen trägt. Kurz darauf entdeckte ich eine Wespenschwebfliege – und staunte über ihren schimmernden Brustpanzer. Zwar habe ich sie viel zu groß und plump gezeichnet, doch irgendwie strahlt sie auf dem Papier noch immer die Energie aus, die ihr reales Vorbild ausmachte – jenes neugierige Wesen, das eine Weile über meinem Notizbuch schwebte.
„Mit jeder Minute Aufmerksamkeit, die du der Natur schenkst, bekommst du auch ein Stück zurück: Nicht nur du schaust den Käfer an, er schaut auch zurück.“
Gemeinsam staunen, gemeinsam journaln
Mit Nature Journaling und einem Stift in der Hand erwarten euch zahlreiche kreative und auch humorvolle Übungen – etwa Zeichnen ohne aufs Blatt zu schauen oder „upside down“. Besonders freue ich mich auf die 30-Tage-Journaling-Challenge. Noch schöner wird es, wenn ich diese Erfahrungen mit anderen teilen kann: mit Freund:innen, Bekannten oder meinen Schüler:innen.
„Wir sind Teil eines großen Ganzen – Gemeinschaft wieder bewusst zu erleben und auch in deinen Nature-Journaling-Abenteuern aktiv zu suchen, sich auszutauschen und gemeinsam zu journaln, ist unglaublich bereichernd.“
Verena Hillgärtner, Nature Journaling: Dein Weg zu mehr Kreativität, Narturverbindung und Neugier, Kosmos, 144 Seiten
978-3-440-17722-8
In der Leseprobe könnt ihr einen Blick ins Buch werfen.
