Prädikat „Lesenswert“
Ein Buch, das Wut verspricht, ist das ein schönes, ein lesenswertes Buch? Ja, ist es. Es ist aufklärerisch – meint unsere Rezensentin Anika.
Stella Levantesi ist Autorin, Photographin und Klimajournalistin. Klimaklagen, Desinformation zum Klima und die Unternehmensverantwortung in der Klimakrise sind Ihre Themen. Sie richtet sich mit ihrem Buch an diejenigen, die den Klimawandel und seine Folgen vor Augen haben und noch tiefer einsteigen möchten. Es ist jedoch auch durchaus lesenswert für Menschen, die Medien und Meinungsmacht verstehen möchten und sich mit Systemfragen auseinandersetzen. Dabei wechselt Levantesi oft zwischen Meta- und Mikroebene, der Betrachtung des Systems bis hin zu psychologischen Hintergründen wie der kognitiven Dissonanz.
Von Leugnung, Verharmlosung und Ablenkung: Instrumente des Systems
Levantesi trägt mit „Klimalügen“ zur Aufklärung darüber bei, wie die Leugnungs- und Aufschiebetaktiken der Erdölindustrie vonstatten gingen, um Profit zu machen, obwohl die Erdölgiganten die Folgen ihres Handelns bereits sehr früh absehen konnten. Auf die Taktik der Leugnung folgten Aufschiebetaktiken. Leugnung würde heutzutage schlicht nicht mehr funktionieren.
Doch es gibt Gründe dafür, heute noch glauben machen zu wollen, dass es schon nicht so schlimm werden würde, wir uns ja anpassen könnten und man die Menschen nicht überfordern dürfe. Nicht die Leugner sind Mainstream, wohl aber die Verhinderer. Jene, die den Klimawandel nicht nur als Herausforderung, sondern auch als „größte Chance“ begriffen wissen möchten. Gerne greift man auf grüne Innovationen zurück, „Superhelden-Verbraucher*innen“ oder schlicht auf andere Länder.
Zu den Verzögerungstaktiken gehört auch das Verschieben des Fokus, mit dem Ziel, nicht über das Klima zu reden. Ein Beispiel, das Levantesi hierzu anführt, ist das Gebäudeenergiegesetz (GEG), das letztlich vor allem unter der Prämisse des „Heizungsschutzes“ diskutiert wurde. Es ist ein Beispiel dafür, wie bei all der Diskussion um den Verlust älterer Heizkörper aus dem Blick gerät, dass es doch ursprünglich um die zukünftige körperliche Unversehrtheit ging, die durch den Klimawandel gefährdet ist.
Erderwärmung, Klimawandel, Klimanotstand: Wortwahl und Sprache sind ein wunderbares Instrument der Verschleierung. So ließen sich die Republikaner 2002 bspw. davon überzeugen, nicht mehr von Erderwärmung zu sprechen, sondern von Klimawandel. Ein unbedeutendes Detail ist das nicht, angesichts des Ziels, die Dimension zu kaschieren, um die es geht. Ist Klima doch etwas wenig Greifbares, kaum Aggressives, während eine Erwärmung etwas Spürbares ist. Die schwedische Aktivistin Greta Thunberg dagegen drängte 2020 darauf, vom „Klimanotstand“ zu sprechen, um dem Ernst der Lage gerecht zu werden.
Levantesi führt die Verschleierungen führender Erdölunternehmen en détail aus. So wusste Exxon bereits „vor Mitte der 1980er Jahre alles, was es über den Klimawandel zu wissen gab“. Später zeigen Studien, dass dieses Wissen nicht Grund genug zum Handeln, sondern zum Vertuschen war. War Exxon zunächst führend in der Klimaforschung, nutze der Erdölgigant dieses Wissen später aus, es unterdrückte Informationen und finanzierte Maßnahmen, um Fakten zu verzerren und zu manipulieren.
Auf Grundlage der eigenen Forschungen kommt Exxon zu einem Schluss, der nicht öffentlich werden soll:
„Das Unternehmen erkennt an, dass zur Bekämpfung der globalen Erwärmung ‚eine erhebliche Reduzierung der Verbrennung fossiler Brennstoffe erforderlich wäre‘ und dass andernfalls ‚potenziell katastrophale Ereignisse‘ berücksichtigt werden müssten (…).“
Ebenso leisteten die Wissenschaftler von Shell gute Arbeit und legten bereits in den 1980er Jahren dar, wie sich CO2auf das Klima auswirken würde.
Verharmlosen, marginalisieren, verhöhnen: Kommunikationsstrategien durchschauen
Wie immun sind wir heute vor ähnlichen Desinformationskampagnen? Aktuelle Parallelen in der öffentlichen Information und Kommunikation sieht Levantesi bspw. im Zuge der Corona-Pandemie. Politik habe auch hier der Wissenschaft zu wenig zugehört, bspw. die damalige Trump-Regierung.
Die Schlüsselstrategien zur Desinformation kamen wohl auch hier zur Anwendung: Indem man eine Gefahr kleinredet, Bedenken als Alarmismus abtut, Maßnahmen verzögert und das Problem leugnet. Und warum? Aus wirtschaftlichen Interessen heraus. Wurde es aber auch vertuscht? Was ist mit dieser guten Arbeit passiert? Es ist hier unklar, was die Aussage dieses Abschnittes ist. Ich würde es ergänzen oder einfach streichen.
Lesen, wissen, kritisch bleiben
Das Buch ist intensiv, informativ und hat angesichts von Aussagen wie der Folgenden das Potential, in Leser*Innen gleichzeitig den Glauben an ein funktionierendes Mediensystem zu erschüttern.
„Immer wenn globales Handeln zum Klimawandel eine größere Rolle auf der internationalen Agenda spielt, intensiviert sich die Leugnungskampagne. Die Maschinerie läuft auf Hochtouren, wenn dem Thema in der Poltik [sic.] höhere Priorität eingeräumt wird (…).“
Spannend, bitter, ausführlich belegt, aber auch verstörend liest sich die Lektüre, angesichts dessen, dass nachvollziehbar wird, wie und warum einzelne Akteure Jahrzehnt um Jahrzehnt geraubt haben, indem sie Klimaschutzmaßnahmen blockierten.
Hochrelevant ist das Buch aus der Sicht, dass erklärt wird, wie Desinformationsstrategien vonstattengehen, wie die Medienlandschaft funktioniert und Manipulation der öffentlichen Sicht möglich ist. Es bleibt zu hoffen, dass Leser*innen durch dieses Buch noch stärker dazu befähigt werden, Desinformation, Fakenews, „alternative Fakten“ oder wie auch immer man sie bezeichnen will, zu entlarven.
Stella Levantesi, Klimalügen. Macht, Politik, Psychologie derjenigen, die die Krise des Jahrhunderts leugnen
Jaja Verlag 2024, 312 Seiten
Mit einem Textbeitrag von Samira El Ouassil & Friedemann Karig
In der Leseprobe könnt ihr einen Blick ins Buch werfen.
