„Eis gegen heiß“, dieses quadratische Büchlein, fiel mir in der Buchhandlung sofort auf. Erst zog mich das Titelbild in den Bann – wie ein Comic für Kinder, und bei näherem Hinschauen doch nicht: denn es lag im Bereich der Sachbücher für Erwachsene. Ich nahm es in die Hand, der Umschlag fühlte sich gut an, kräftig und leicht rau. Aber was für ein aussagekräftiger, und auch erschreckender Untertitel für dieses freundliche Cover: „Wie wir uns an die Folgen des Klimawandels anpassen müssen“.
Unten, in der linken Ecke des Büchleins, schwimmen zwei weiße Fische im blauen Wasser, dazu ein Deichbau, ein brennender Baum, eine überflutete Brücke und ein Notfallkoffer. Und über all dem schwebt in einer Wolke der Traum vom Urlaub mit Sonnenliege und Eiswaffel. Ein aufgedruckter Button verweist auf: „PRAKTISCHE TIPPS FÜR ALLE!“ Gut aufgemacht, denke ich irritiert, und blättere rein.
Die Macher*innen hinter „Eis gegen heiß“
Der Untertitel des bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Buches passt exakt zu dem, was der Button verspricht: Wir müssen selbst handeln. Denn wir wissen, dass die verantwortlichen Politiker*innen seit Jahrzehnten gegen die immer massiver aufziehenden Klimaveränderungen vorgehen könnten, es jedoch nicht tun.
In den Vorworten von Ralph Tiesler, ehemaliger Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, und Otmar D. Wiestler, ehemaliger Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, zeigt sich, dass dieses Buch, auch wenn es locker daherkommt, ernst genommen werden muss. Beide betonen die akute Notwendigkeit, dass wir in unserem Alltag zu Taten schreiten sollten. Dieses „wir“ wird uns das ganze Buch hindurch begleiten und darf durchaus global gedacht werden.
Das verantwortliche redaktionelle Kernteam von „Eis gegen heiß“, Christian Serrer, Karoline Möller, Lukas Neuwirth und Franziska Koert, ergänzt durch Eva Künzel, Marc Schultes und Ina Kopezki, die die Gestaltung beitrugen, sehen ihre Online-Plattform „www.meistens-einfach.de“ als
„zentrale Anlaufstelle zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen.“
Zurecht verweist das Team bei ihrem Dank auf die vielen Wissenschaftler*innen, die zum Inhalt beitrugen. Denn nur durch das Forschen und Lehren und Zusammentragen von gemeinschaftlichem Wissen können die faktenreichen Aussagen getroffen werden, die im Buch miteinander verbunden sind:
„Die Erstellung dieses Buches war eine Teamleistung der CS Science Communication GmbH, unterstützt von zahlreichen engagierten Mitwirkenden aus Wissenschaft und Praxis.“
Verstehen um zu ändern
Auch wenn ich die Schrift zu klein finde und mir die individuellen Maßnahmen in ihrem Umfang ziemlich krass erscheinen, bin ich begeistert von diesem – ich nenne es mal weiterhin: Büchlein. Denn das „Büchlein“ ist ein kompakter Ratgeber für die Handtasche, und damit jederzeit vorzeigbar, vorlesbar und einsatzbereit. So können, zum Beispiel, in einem Kneipengespräch die ersten beiden Kapitel beim Argumentieren helfen. Und wenn dazu das Büchlein gezückt wird, wirft das Gegenüber bestimmt auch gerne einen Blick hinein.
Dort sehen wir auf den ersten Seiten, aufgelockert durch die farbigen Illustrationen, die Statistiken zur Emissionsentwicklung. Später folgen dann Beispiele für Klimaschutzmaßnahmen im Beruf und im Wohnbereich. Anhand von 10 Prinzipien der Anpassung an den Klimawandel können wir in dieser Kneipenrunde dann gleich diskutieren, wie besonders gefährdete Menschengruppen geschützt werden sollten. Denn wem würden nicht Großeltern, Kinder oder Schwangere als besonders schützenswert bei Hitze oder Starkregen einfallen.
Hallo Politik: Wer ist das handelnde „wir“?
Wir bleiben nochmal kurz bei unserem Abend in der Kneipe, denn hier, wie auch im Buch, begegnet uns vielfach dieses kleine Wort „wir“. Manchmal erscheint es als „Warum wir?“ – da schwingt dann das „nicht-wir“, also: „die anderen“, mit. Oder aus dem „wir“ wird das „Warum ich?“ Doch damit halten sich die Autor*innen zum Glück nicht auf, sondern umgehen eine trennende Vorstellung von „wir“, indem sie es global empathisch verwenden und sich damit einer Beschreibung von Ausgrenzung verweigern.
Eine andere Wir-Frage schwingt zu Recht immer mit: Was tun eigentlich die Politiker*innen, die „wir“ gewählt haben? Sollten diese nicht nach bestem Wissen und Gewissen eine menschenwürdige Gesellschaft in der Gegenwart und Zukunft gestalten? Im Buch wird darauf nur implizit verwiesen, vielleicht mit der Hoffnung, durch den Appell an die Vernunft der Mehrheit, Veränderungen zu erreichen:
„Nur wenn wir als Gesellschaft heute handeln, können wir vermeiden, dass sich die Klimafolgen von morgen zu gesellschaftlichen Krisen von übermorgen entwickeln.“
Nische Mensch: Wir sind alle verletzlich
Mit dem letzten, dem vierten Kapitel „Maßnahmen auf persönlicher Ebene“ folgt der seitenstärkste Abschnitt im Buch. Hier kann jede Doppelseite unser Kneipengespräch in neue Dimensionen heben. Dazu drei Schlagwörter aus den neunzehn beschriebenen Bereichen: „Notgepäck“, „Nachbarschaftshilfe“ und „Stärkung der Psyche“. Vielleicht haben wir das Glück, dass ein Mensch vom Technischen Hilfswerk mit am Tisch sitzt und den Blickwinkel dieser Einsatzorganisation des Bundes für Katastrophenhilfe und Zivilschutz beisteuert.
Wenn wir nur beim Thema „Stärkung der psychischen Gesundheit in Krisenzeiten“ bleiben und uns überlegen, ob für uns eine „Panikattacke“ in Frage kommt – können wir das einschätzen? Welche Stechmücken werden sich mit welchen Krankheitserregern verbreiten, wo wird Starkregen auftreten – niemand weiß es und deshalb ist der individuelle Stress im Bereich des möglichen. Dieses Kapitel fordert uns dazu auf, nicht die Augen zu verschließen, sondern im solidarischen Verhalten Wege zu finden, uns vorbeugend psychisch und physisch zu rüsten. Damit kommen wir zurück zum Anfang, denn in diesem Taschen-Buch gibt es jede Menge „Praktische Tipps für Alle!“
Solidarisch mutig sein – Lust auf die Zukunft behalten
Wir sind viele! Das dürfen wir nicht vergessen, auch wenn die mediale Öffentlichkeit uns dies nicht so oft zugesteht. Veröffentlichungen wie „Eis gegen heiß“, wie auch viele weitere Bücher, Filme, Podcasts, Zeitschriften und Artikel, wie auch Unternehmen, die klimafreundlich agieren, wie Kommunen, in denen Politiker*innen danach streben, klimaneutral zu werden, zeigen engagierte Menschen, die solidarisch zueinander sind und Menschlichkeit leben.
Nicht zuletzt auch die Existenz der Klimabuchmesse, die von den Parents for Future gegründet wurde und 2026 nun in ihr 6. Jahr geht, kann und wird bei der Öffentlichkeits- und Netzwerksarbeit für Maßnahmen gegen den menschengemachten Klimawandel ihren Anteil beitragen.
Fazit: Dieses großartige „Büchlein“ hat eure Rezensentin von der Klimabuchmesse, Helga Egetenmeier, nun immer in der Handtasche – zum Argumentieren und Mutig sein, und um Solidarität und Menschlichkeit einzufordern.
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„Eis gegen heiß. Wie wir uns an die Folgen des Klimawandels anpassen müssen“ von Christian Serrer, Karoline Möller, Lukas Neuwirth und Franziska Koert, Kiepenheuer & Witsch, November 2025, 160 Seiten, ISBN: 978-3-462-00991-0
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