Immer wieder war ich auf „Das Ministerium für die Zukunft“ von Kim Stanley Robinson gestoßen, dass im Original 2020 veröffentlicht wurde und auf Deutsch 2021 im Heyne Verlag erschien. Irgendwann hatte ich es mir gekauft und begann voller Euphorie darin zu lesen. Ein ganz schöner Wälzer mit seinen 720 Seiten, doch die ersten 30 Seiten nahmen mich sofort in den Bann.
Wie immer hat sich Almut Petschauer, unsere Rezensentin für die Klimabuchmesse, leidenschaftlich in ein Buch hinein begeben und unter unserem Motto „Lust auf Zukunft machen“ für Euch gelesen.
Triggerwarnung: Tödliche Hitze, die nicht mehr ignoriert werden konnte
Robinson beschreibt eine Hitzewelle in Indien, bei der mehrere Millionen Menschen innerhalb kürzester Zeit sterben: einfach weil ihre Körper der Hitze schutzlos ausgeliefert sind, nachdem das Stromnetz zusammenbricht. Einzig Frank May, ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, überlebt, in einem See voller Leichen, Schutz suchend, weil er eine Extra-Ration Wasser hatte. Die Eingangssequenz ist so eindrücklich geschildert, dass mir übel wurde. Dass ich tagelang, obwohl ich das Buch zur Seite gelegt hatte, die Bilder im Kopf hatte. Auch bei uns war es heiß, es war gerade Sommer geworden. Zur Nervenberuhigung musste ich erst mal einen Dorothy L. Sayers-Krimi lesen, mit klarer Aufteilung zwischen Gut und Böse und einer Auflösung, in der die Gerechtigkeit wieder hergestellt ist.
Ignorieren funktioniert nicht
Aber „Das Ministerium für die Zukunft“ lag weiter auf meinem Nachttisch, als Mahnung. Machte ich es mir zu bequem? Irgendwann nahm ich dann doch all meinen Mut zusammen und begann weiterzulesen. Und das Lesen hat sich gelohnt. In diesem, der Cli-Fi (climate fiction) zugeordneten Opus, erzählt Robinson zunächst, was aus dem Hitzeüberlebenden wurde und dass er nach diesem Trauma nie wieder richtig Fuß fassen konnte. Ihm wird die Irin Mary Murphy gegenüber gestellt, Leiterin des Ministeriums für die Zukunft. Dieses wurde nach der Hitzewelle in Indien gegründet, um die Klimaerhitzung endlich zu stoppen. Die Arbeit ist mühsam. Lösungen liegen auf dem Tisch, oft werden sie von den Machthabenden boykottiert, wobei Macht und Geld im Roman untrennbar verwoben sind. Das kommt uns irgendwie alles ganz schön bekannt vor, oder?
Mit Open-Source-Social Media und Carbon-Coins die Welt retten
„Nicht Profit, sondern die Gesundheit der Biosphäre müssten der angestrebte Zweck sein, und damit würde sich viel ändern.“
Dies wird im Roman mehrfach von den handelnden Akteuren des Ministeriums für die Zukunft gefordert. Und immer wieder wird die Frage nach Gerechtigkeit und was der Mensch zum Leben braucht, gestellt – aber nicht nur der Mensch, auch die anderen Lebewesen des Planeten.
Für die Menschen wird „Das Ministerium für die Zukunft“ ein neue Open-Source-Plattform als soziales Netzwerk, genannt „Your Look“, inklusive privatem Konto-System einführen, so dass sie Gemeinwohl orientiert kommunizieren können. Zudem wird die Geldwirtschaft erneuert und mit den Carbon-Coins ein Geldsystem eingeführt, dass sich vermehrt durch die Reduktion von CO2, so dass CO2-Reduktion finanziell gefördert wird und nach und nach auch durch Gesetze ein Verbrauch sanktioniert wird. Im Roman sind die Regierungen und Banken erst dazu bereit, auf all die Lösungen einzugehen, nachdem gewaltsame Anschläge auf den Flugverkehr und superreiche CO2-Extremverbrauchende verübt werden.
„Noch einmal in aller Kürze: Es ist genug für alle da. Und aus diesem Grund sollte niemand mehr in Armut leben. Und es sollte keine Milliardäre mehr geben. Dieses Genug sollte ein Menschenrecht sein, eine Schwelle, unter die niemand fallen dürfte; und eine Obergrenze, über die niemand hinauswachsen kann.“
Multi-Lösung statt Multi-Krise: sogar das Kohlenstoffatom kommt zu Wort
Zwischen die Handlungsstränge der beiden Protagonist:innen Mary und Frank mischen sich, neben Protokollen aus dem Ministerium, auch seitenweise Auflistungen von Lösungsvorschlägen. Um möglichst viele Lösungsansätze im Roman unter zu bekommen, finden sich darin viele verschiedene Nebenstränge mit Ich-Erzähler:innen aus Wissenschaft oder Landwirtschaft – aber auch zum Teil skurrile Perspektiven, wie etwa die Sicht eines Kohlenstoff-Atoms, das von seinem Leben erzählt. Ebenso werden Ratespiele in die Nebenkapitel eingewoben, und enzyklopädisch anmutende Kapitel liefern Sachverständnis für die Leser:innen en passent. So wird das Gesamtwerk zu einer Mischung aus Roman und Sachbuch und lässt die Grenzen immer wieder verschmelzen.
Klimaflüchtlinge brauchen ein Recht auf Würde – für unser aller Frieden
Brandaktuell, und menschlich so wichtig, ist mir die Perspektive der Geflüchteten: Zum einen aus Sicht von Frank, der als Flüchtlingshelfer immer wieder versucht, Fuß zu fassen. Zum anderen aus der Sicht seiner Frau, die nach mehreren Jahrzehnten der Flucht und des Eingesperrt-Seins als alte Frau erkennt, dass sie ihren Frieden geschlossen hat mit all den Jahren in den Lagern – ohne ihre Situation zu beschönigen. Ihre weisen Worte zu Integration und Würde möchte ich gern in die Welt hinausschreien: Würde ist etwas, das jeder braucht!
„Auch wenn wir in einer äußerst würdelosen Welt leben. Daher müssen wir darum kämpfen – das ist eine Erfahrung, die jeder macht. […] Wer sie nicht bekommt, in dem wächst der Zorn. […] Dieser Zorn kann töten. Die jungen Männer, die Sachen in die Luft jagen, sind zornig, weil man ihnen keine Würde lässt. Doch wenn sie in ihrer Wut alles zu Klumpen hauen, zerstören sie damit in erster Linie die Chance ihres Volkes auf diese Welt.“
Lust auf Zukunft mit dem Ministerium für die Zukunft!
Ohne Würde keine dauerhaften Lösungen für alle. Also lasst uns immer wieder im Heute anfangen und einen Weg mit Würde für alle Lebewesen auf diesem Planten finden. Denn,
„Egal, was in der Vergangenheit war, egal, was später kommt, heute ist heute.“
Einmal mehr also eine absolute Leseempfehlung und noch so gar nicht veraltet, denn es verhandelt brandaktuelle Themen.
Aber Achtung, Trigger-Wahrung: das erste Kapitel ist echt harter Tobak! Passt gut auf euch auf.
Dann allerdings könnte es euch gehen wie mir:
Das Buch hat mein Denken bereichert und auch wieder Mal „Lust auf Zukunft gemacht“!
„Das Ministerium für die Zukunft“ von Kim Stanley Robinson, Heyne Verlag, 2021 (Original 2020), 720 Seiten.
