Oder mit der Kraft der Poesie dem Artensterben begegnen.
„Haben wollen“
Das kennt ihr doch bestimmt auch? Es gibt so Bücher, die will ich einfach haben, findet Almuth Petschauer, unsere Rezensentin für die Klimabuchmesse:
Ich geh in den Buchladen und freu mich, sie in die Hand zu nehmen, so mir geschehen bei „Wir dachten, wir könnten fliegen“ von Matthias Jügler, erschienen bei Penguin. Das große Format liegt wunderbar in der Hand, schönes Papier, kostbare Gestaltung, feinfühlige Zeichnungen. Und genauso zauberhaft wie die Aufmachung ist die Sprache der 19 „kleinen“ literarischen Juwelen von u.a. T.C. Boyle, Kim de l’Horizon, Caroline Wahl, Iris Wolff und weitere, über eine eigentlich ganz traurige Sache – das Verschwinden der Arten.
Und die liebevolle und feinfühlige Gestaltung des Buches weist uns umso mehr darauf hin, was hier auf dem Spiel steht: der Verlust dieser zauberhaften Natur – unserer Mit- und Umwelt. Dieser Band macht für uns die vielen Lebewesen, Pflanzen und Tiere spürbar, die so einzigartig sind. In der Schönheit des Buches, im Zauber der Sprache und der Poesie der von Barbara Dziadosz geschaffenen Illustrationen, wird uns das vor Augen geführt.
Spürbare Liebe in Buchseiten gefasst
Die Liebe, die der Herausgeber in diese Anthologie gesteckt hat, ist so augenfällig wie wichtig. Und ich verliebe mich augenblicklich in den Band. Ich fange an zu lesen. Was für ein großartiges Projekt. Da begreift ein Mensch, dass mit der Welt etwas nicht in Ordnung ist.
Matthias Jügler beschreibt im Vorwort, wie ihm bewusst wurde, wie unglaublich bedrohlich das Artensterben ist, und dass er nicht tatenlos zuschauen wollte. Er schreibt über sich selbst:
„Ich bin kein Umweltaktivist. Ich bin Autor, Herausgeber und Lektor – meine Welt besteht aus Literatur.“
Weiter schreibt er, wie er, als er jung war, dachte,
„Literatur könne die Welt verändern, ein gutes Buch im besten Falle einen Krieg verhindern.“
Da sprach er mir aus dem Herzen und ich dachte, woher kennt er meine geheimsten Gedanken als Jugendliche? Leider hatte er die gleiche Lernkurve wie ich:
„Wie naiv dieser Gedanke war, weiß ich inzwischen.“
Aber, und auch hier gebe ich ihm mit jedem Wort Recht:
„Eines weiß ich mittlerweile aber auch: Literatur, so wie ich sie verstehe, ist nicht das bloße Erzählen einer aufregenden Geschichte. Literatur lässt uns die Welt, in der wir leben, mit anderen Augen sehen: Wer liest, kann an zwei Orten gleichzeitig sein. Wer liest, kann mühelos durch alle Zeiten reisen. Und wo sonst, wenn nicht in der Literatur, ist es uns gegeben, Tote wiederauferstehen zu lassen.“
Literatur macht Tote wieder lebendig
Ich schicke ja gerne meine Gedanken in die Zukunft, aber in diesem Falle lohnt sich der Blick zurück, um ausgestorbene Arten wieder lebendig werden zu lassen. Und so bin ich gern der Aufforderung Matthias Jüglers gefolgt und habe mich auf eine literarische Reise begeben, die so mitreißend, berührend und nicht zu letzt voller Erkenntnisse für mich war, dass ich sie euch so sehr ans Herz legen möchte!
Ergreifendes Aussterben
Den Einstieg in die berührenden Miniaturen macht Julia Schoch mit einer verwirrenden und ergreifenden Geschichte über den Auerochsen. Sie entführt uns literarisch in den Kopf eines Ures, also eines Auerochsen, und wie ich lerne: des letzten Auerochsen. Sie lässt uns mit ihm die schwerfälligen Gedankengänge dieses friedfertigen Riesen durchleben, die so voller Weisheit, Tiefe und berührender Traurigkeit stecken – im Begreifen des eigenen Aussterbens.
„Mit ihrer Gutmütigkeit verstehen sie die Welt. Erst mal sich alles ansehen, den Blick anständig schweifen lassen. So sind sie, die Ure.“
Als der letzte Satz gelesen ist, bin ich unfähig, einfach weiter zu blättern; meinen Geist zur nächsten Geschichte weiter zu zerren. Ich hänge den Gedanken des Urs nach – tief berührt und erfüllt vom Zauber dieses in der Literatur wiederauferstanden Wesens.
Würdigung braucht Zeit
Jede einzelne Geschichte ist ein Geschenk, das ich in den folgenden Wochen und Monaten zelebriere. Ich schaffe mir Leseinseln, um in die verlorenen Tier- und Pflanzenwelten einzutauchen, die literarisch mit uns Menschen verwoben sind, um uns in Beziehung zu diesen längst verschwundenen Arten zu setzen. Jede dieser Arten hat es verdient, meine volle Aufmerksamkeit zu bekommen. Und so begleitete mich „Wir dachten, wir könnten fliegen“ über lange Zeit, egal ob Auerochse, Stellersche Seekuh, Wandertaube, Hawaiianischer Berghibiskus, St.-Helena Olivenbaum, Chinesischer Flussdelfin oder Daintree’s River banana … .
Ihnen allen habe ich einen besonderen Platzen in meinem Herzen erlesen – und dank der so zarten wie berührenden Illustrationen von Barbara Dziadosz, ist auch ein kostbares Bild geblieben. Am liebsten würde ich mir die Zeichnung des Chinesischen Flussdelfins über meinen Schreibtisch hängen, so nah, so einfühlsam gemalt, berührt es mein Herz ganz zart und nachhaltig – das möchte ich nicht wieder verlieren.
Wenn ihr mich jetzt nach einer Lieblingsgeschichte fragt, so muss ich klar sagen, ich kann mich nicht entscheiden. Und ich will es auch nicht. Und auch die Liste der Autor*innen, die Beiträge zu dieser Anthologie geliefert haben, ist mit T.C. Boyle, John Burnside, Alex Campus, John Ironmonger, Caroline Wahl so großartig, dass ich nicht sagen könnte, über wen ich mich am meisten gefreut habe.
Fazit: Verschenken wollen
Ich bin jedenfalls Matthias Jügler sehr, sehr dankbar, dass er all sein Herzblut und sein Wissen und seine Kontakte verwendet hat, um diesen Erzählband zusammenzutragen. Und ich finde, er sollte ganz viel gelesen und verschenkt werden, denn, um ein letzte Mal Matthias Jügler zu zitieren:
„Literatur, so wie ich sie verstehe, ist nicht das bloße Erzählen einer aufregenden Geschichte. Literatur vermag es, uns die Welt, in der wir leben, mit anderen Augen sehen zu lassen.“ (Matthias Jügler)
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„Wir dachten, wir könnten fliegen. 19 Geschichten über den Verlust der Arten und die Kraft der Literatur“ herausgegeben von Matthias Jügler, Verlag Penguin, Oktober 2025, 256 Seiten, ISBN: 978-3-328-60453-2
Hier geht es zur Leseprobe.
