Tiere besitzen erstaunliche Anpassungsfähigkeiten. Dennoch sind die Herausforderungen, denen sie im Zeitalter der Menschen, dem sogenannten Anthropozän, ausgesetzt sind, enorm. Sie stehen„am Limit“.

Deshalb widmen sich die beiden Verhaltensbiologen und Autoren Norbert Sachser und Niklas Kästner in ihrem allgemeinverständlich geschriebenen Sachbuch ‚Tierwelt am Limit‘ dem besorgniserregendem Schicksal der Tiere im Anthropozän. Ihr Ziel ist es, in ihrem bei Rowohlt erschienen Buch, ein besseres Verständnis bei uns Menschen für die Biodiversitätskrise in der Tierwelt zu vermitteln. Im ersten Teil des Buches beschreiben sie anschaulich die vielfältige Anpassung der Tiere an Umwelt und Stadtumgebung, an eingeschleppte Arten, an die Bejagung durch den Menschen und an den menschengemachten Klimawandel – bis hin zu den Grenzen der Anpassung. Danach erläutern sie die Domestikation vom Wildtier zum Haustier und stellen diese in Frage. Das Werk beschränkt sich aber nicht nur auf wissenschaftliche Fakten, es werden ebenso literarische und zum Teil poetische Auszüge eingestreut, welche ihre Begeisterung und Faszination für die Tierwelt verdeutlichen.

„[…] Über eins besteht Konsens: Wir müssen unsere Beziehung zur Umwelt reflektieren und uns die Konsequenzen unseres Handelns bewusst machen. Denn wie die Gesellschaft deutscher Chemiker in einer Publikation treffend schreibt, geht es letztendlich um die Frage, ob wir positiv in die Zukunft schauen und langfristig auf der Erde leben können. “

Die vielfältige Anpassung von Wildtieren

Seit Charles Darwin 1859 in seiner Veröffentlichung die Grundzüge der Evolutionstheorie darlegte, wissen wir von der „natürlichen Selektion“ in der Tierwelt. So überleben nur die Spezien, die optimal an ihre Umwelt angepasst sind, wie zum Beispiel der durch seine großen Vorderschaufeln für das Leben unter der Erde qualifizierte Maulwurf. Generell sind diese Tiere dann zwar in anderen Lebensräumen hilflos, doch die Anpassung an Umweltveränderungen ist möglich. Das zeigen die Autoren auch am Beispiel des Birkenspanners, der sein Aussehen als Folge der Luftverschmutzung durch Rußpartikel der dunkel gefärbten Birkenrinde durch „spontane genetische Mutation“ anpasste. Der sogenannte „Industriemelanismus“ wurde bei unzähligen Spezies in der ganzen Welt innerhalb von wenigen Jahrzehnten beobachtet. Dies war der Beweis, dass eine Mikroevolution in der Tierwelt existiert. Auch weiterhin passen sich die Eigenschaften von Tieren an die Umwelteinflüsse an und sind keineswegs durch die Gene starr festgelegt. Die „phänotypische Plastizität“ reicht von der Anpassung der Körperform und Körperfarbe an die Ernährung, bis hin zum sozialen Lernen vorteilhafter Verhaltensweisen.

„[Allerdings] kommen Forscher:innen im Jahr 2016 zu dem Schluss, dass nur noch 23 % der Landfläche als Wildnis bezeichnet werden können, also als Naturraum ohne starke Beeinflussung durch den Menschen. […] Tiere die außerhalb dieses Gebietes leben, sind oftmals mit dramatischen menschgemachten Veränderungen ihrer Umwelt konfrontiert.“

Ähnlich wie Tiere sich durch Evolution und phänotypische Plastizität der natürlichen Umwelt anpassen, geschieht dies auch im menschengemachten Lebensraum, der Stadt. Ja, sogar eingeschleppte Arten stellen kein endgültiges Problem für Tierarten dar. Beispielsweise können sich Schneckenbussarde auch morphologisch anpassen, indem sie eingeschleppte Arten zu ihrer neuen Nahrung zählen.

Nun kommt allerdings der Mensch als eine Art „Super-Prädator“ mit, z.B., der Überfischung des Meeres ins Spiel: 77 Millionen Fische in den ersten zwanzig Jahren dieses Jahrhunderts. Zwar passen sich die Tiere, zum Teil durch Verhaltensänderung oder körperliche Veränderungen, an die Bejagung an, doch einige Arten verschwinden ganz. In Folge des Temperaturanstiegs durch den Klimawandel entwickeln die Tiere eine stärkere Hitzetoleranz oder verlagern ihre Verbreitungsgebiete. Doch wenn alle diese Umweltveränderungen zusammen auftreten, und das in häufiger Abfolge, geraten Tiere mit ihren beeindruckenden Anpassungsfähigkeiten an ihre Grenzen.

„Die Anpassungsfähigkeit der Tiere reicht nicht aus, um den enormen Herausforderungen im Anthropozän etwas entgegen zusetzen. Wenn wir nicht wollen, dass sich die Enttierung der Erde fortsetzt […], müssen wir radikal umsteuern.“

Haustiere – ein Verhältnis voll Ambivalenz

Vor etwa 9.000 Jahren wurden die Menschen seßhaft und begannen sich Haustiere zu halten. Sie sorgten für den Schutz und die Pflege der Tiere, und fütterten sie. Dadurch passten sich die Tiere dem Menschen und seinen Bedingungen an. So zeigen Hausmeerschweinchen vermindertere Stressreaktionen als ihre wilden Vorfahren und sind sozialer, toleranter und verträglicher.

Züchtungen von Tieren mit bestimmten Merkmalen erfolgten im Laufe der Zeit. Jedoch besitzen auch Rinder und Hühner weiterhin, trotz der Domestikation, kognitive Fähigkeiten und ein komplexes Sozialverhalten. Dennoch werden, besonders in der industriellen Landwirtschaft, Tiere durch restriktive Haltungsformen in reizarmen, zu kleinen Innenräumen unter unwürdigen Bedingungen großem Leid ausgesetzt.

Die Autoren rufen mit ihrem Buch eindringlich dazu auf, unseren Umgang mit den Tieren zu überdenken und unser Verhältnis zu Tier und Natur zu ändern. Denn wir können bessere Lebensbedingungen schaffen und damit dem menschengemachten Biodiversitätsverlust entgegensteuern – für eine lebenswerte Zukunft, auch für uns Menschen.

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Rezensiert für die Klimabuchmesse wurde „Tierwelt am Limit“ von Dr. Tamara Emmerichs, Naturwissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Meteorologie.

„Tierwelt am Limit. Die erstaunliche Anpassungsstrategie der Wild- und Haustiere und ihr Scheitern im Anthropozän“ von Norbert Sachser und Niklas Kästner, Verlag Rowohlt, Feb. 2026, 304 Seiten, ISBN: 978-3-498-00255-8

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