„Taras Augen“, ein mit dem Leipziger Lesekompass ausgezeichneter Jugendroman von Katharina Bendixen, verlegt aktuelle Fragen zum Erwachsenwerden in eine von unauffälligen Drohnen überwachte Zukunft. Für die Klimabuchmesse stellt euch Helga Egetenmeier diesen Near-Future-Roman hier vor:
Die sechzehnjährige Schwimmerin Tara und der gleichaltrige Zeichenkünstler Alún kennen sich schon ihr Leben lang. Doch als sie sich ineinander verlieben, beginnt eine komplizierte Beziehung. Denn ihren großen Streit können sie nicht beilegen, da sie durch die Explosion in einer Chemiefabrik getrennt werden. Bis zu diesem Unfall ist fast alles wie in unserer aktuellen Gegenwart: Eltern gehen Arbeiten und Jugendliche zur Schule – und alle besitzen mit dem Sig-Phone, eine Art Smartphone mit Ausweis- und Bezahlfunktion.
Flüssig geschrieben und tiefgründig erzählt, kreiert Bendixen eine Geschichte, deren roter Faden die Frage stellt: Was wäre, wenn wir uns aus den Augen verlieren? Wenn wir uns real nicht mehr sehen könnten und uns das Fühlen mit dem Herzen verunsichert?
Tara und Alún: Augen und Herz
„Taras Augen“ sind für die Autorin das leitende Symbol durch ihren Near-Future-Roman. Die starke junge Frau und erfolgreiche Schwimmerin, weiß, was sie will. Eigentlich. Doch durch die Umweltkatastrophe verliert sie nicht nur den Kontakt zu ihrem Freund Alún, sondern auch noch ihr Sig-Phone. Dann ist plötzlich Ste an ihrer Seite, die neue geheimnisvolle Nachbarin, die nun im leerstehenden Haus von Alúns Eltern wohnt. Mit ihr versucht Tara ihre Gefühle für Alún zu klären, während sie gemeinsam mit den ebenfalls in die kontaminierte gelbe Zone zurückgekehrten Freund*innen abhängen.
Inzwischen lebt Alún mit seiner Familie in einer neuen Wohnung in der Großstadt, und damit in sicherer Entfernung zu dem verseuchten Gebiet. Dort klebt er eine Unzahl an Fliesen, immer in Angst davor, von der Security geschnappt zu werden. Die Fliesen sind sein Projekt um Tara nahe zu sein. Denn er zeichnet darauf ihre Augen – es ist seine Art, sie um Verzeihung zu bitten für das, was er ihr angetan hat. Er ahnt dabei nicht, dass dieses Symbol des Sehens von einer Untergrundgruppe benutzt wird, um gegen die Vertuschung des Umweltskandals vorzugehen.
„Ich hole die Fliese und den Kleber aus meinem Rucksack. Ich halte die Fliese in der hohlen Hand und verteile den Kleber auf der Rückseite. Ich schaue mich um, dabei klopft mein Herz an einem Ort, an den es eindeutig nicht gehört.“
Vertrauen in einer überwachten Gesellschaft
Katharina Bendixen fängt ihren Roman mit der explodierenden Fabrik schwungvoll an, schippert dann mit der Erklärung des Settings in gemächlicheres Fahrwasser, und ich fragte mich kurz, ob die nächsten dreihundert Seiten wieder Fahrt aufnehmen würden. Und genau an diesem Punkt rührt Bendixen ihre Geschichte mit dem Stift kräftig durch und entwickelt dabei einen Sog, der mich dann bis zur letzten Seite fesselte. Also, falls ihr an diesen Punkt kommt: weiterlesen und festhalten, gleich gehts ab – nicht bedrohlich, es wird keine Zombie-Geschichte – die Geschichte geht in den Kopf und an die Gefühle.
Wir erfahren viel über die Bedeutung von Freundesgruppen und das Leben zwischen Schule und Familie. Das undurchsichtig dargestellte Gesellschaftssystem scheint hauptsächlich mit Drohnen und Security zu regieren – und die Folgen des Chemieunfalls vertuschen zu wollen. Zwischen all dem kämpfen Tara und Alún dafür, dem Anderen vertrauen zu wollen. Doch wie belastbar ist das Vertrauen, dass man Freund*innen und der Familie entgegenbringt? Eine Frage, die den roten Faden des Romans begleitet.
Near-Future-Roman – und das Klima?
Rund um unsere äußerst sympathischen zwei Power-Jugendlichen erzählt Bendixen spannende Lebensgeschichten, mit denen sie aktuelle gesellschaftliche Fragen aufwirft. Auch wenn es Hinweise auf Hitze, Eincremen und die Gefahr durch Sonnenbrand gibt, hätte ich mir als Rezensentin der Klimabuchmesse einen eindeutigeren Bezug zur Anpassung an den Klimawandel gewünscht. Klar, es lässt sich nicht alles in einen Jugendroman packen. Doch wir brauchen literarische Unterstützung, um uns mit den ändernden klimatischen Verhältnissen auseinandersetzen zu können. Ich würde mich freuen, wenn Katharina Bendixen in einem zweiten Band um Tara und Alún das Thema Klimaveränderung stärker mit aufgreifen würde.
Trotzdem, wie ihr es vielleicht meiner begeisterten Beschreibung schon entnommen habt: Absolute Leseempfehlung!
Für „Taras Augen“ gibt es Schulmaterialien und auch bereits ein Theaterstück, welches aktuell in Dresden aufgeführt wird.
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„Taras Augen“ von Katharina Bendixen, Verlag Mixtvision, Jugendbuch, ab 14 Jahren, 2022, 384 Seiten, ISBN: 978-3-95854-235-8
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