Unsere Wirtschaftsweise neu denken
Stellen wir uns vor, wir müssten unseren geschundenen Planeten verlassen und erhielten im Gegenzug eine zweite Erde geschenkt – allerdings unter zwei Bedingungen: Wir dürften von Anfang an keine fossilen Rohstoffe verbrennen und müssten im Einklang mit der Natur leben.
Wir begnügten uns damit, was wir wirklich benötigen, um ein gutes und würdiges Leben zu führen. Gleichzeitig würden wir unsere Lebensweise entschleunigen und uns von einem Wirtschaftswachstum verabschieden, das unsere Lebensgrundlagen unwiederbringlich zerstört.
Kluge Vordenkerinnen und Vordenker stünden uns dabei beratend zur Seite, und wir würden tatsächlich auf ihre Weisheit hören. Vielleicht hätte der Albtraum dann doch ein Happy End.
Niko Paech, Autor des Buches „Befreiung vom Überfluss – das Update. Eine Postwachstumsökonomie für das 21. Jahrhundert“, erschienen im Oekom Verlag, ist ein solcher Vordenker. Eine zweite Erde gibt es nicht, weshalb wir den einzigen bekannten Planeten, auf dem Leben möglich ist, endlich so behandeln sollten, wie er es verdient.
Das Märchen vom Wachstum ohne Naturzerstörung
Davon sind wir allerdings weit entfernt: Globale Produktion ebenso wie steigende Konsum- und Besitzansprüche, gehen weiterhin zulasten der Biosphäre und der kommenden Generationen. Paech schreibt:
„Um sich nicht mit dem zufriedengeben zu müssen, was kraft eigener Leistungen gegenwärtig erreichbar ist, wird der Vorrat an zukünftigen Möglichkeiten geplündert.“
Weltweite Spezialisierung diene zwar höherer Effizienz, dies setze uns jedoch einer gefährlichen Abhängigkeit von fernen Märkten aus. Einfache, handwerkliche und hauswirtschaftliche Tätigkeiten für eigenen bzw. lokalen Bedarf gingen verloren und statt „menschlicher Souveränität“ dominiere „eine diffuse Angst“, jemand könnte „den Stecker ziehen“.
Der Wirtschaftswissenschaftler widerspricht den gängigen Wachstumsnarrativen – etwa dem Glauben, neue Technologien könnten die Klimakrise langfristig lösen. Denn vermeintlicher Fortschritt verlagere Probleme häufig, anstatt sie zu beheben.
Das Versprechen, Wachstum vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln, bezeichnet Paech als „Mär vom grünen Wachstum“. Auf Erneuerbare Energien als Hoffnungsträger zu setzen, sieht Paech kritisch. Selbst wenn sie unterm Strich CO₂-Emissionen reduzieren: Solange sie der Steigerung vom Bruttoinlandsprodukt dienen und deshalb massiv ausgebaut würden, verursachen sie Flächenverbrauch und beeinträchtigen Ökosysteme. Zudem steige der Bedarf an seltenen Erden und strategischen Metallen – mit bekannten ökologischen und geopolitischen Folgen.
Psychologische und politische Konditionierung des Überflusses
Der unersättliche Konsum sei zudem ein psychologisches Phänomen, dem die Politik kaum etwas entgegensetze. Sie stabilisiere vielmehr den Zustand:
„Das frei Haus gelieferte Alibisortiment dafür, Konsum und Mobilitätsroutinen nicht hinterfragen zu müssen, wird sodann bereitwillig mit Wählerstimmen und Kaufentscheidungen vergütet.“
Niko Paech kritisiert die Unfähigkeit demokratischer Regierungen, sich vom Wachstumsdogma zu lösen. Aus Angst vor Stimmenverlusten entfache die Politik einen „Nachhaltigkeitsfuror“, der sich vor allem „in Form technologischer, infrastruktureller oder institutioneller Additionen materialisiert.“
Dieser Gedanke lässt sich – und das hat mich als Lehrerin besonders beschäftigt – unmittelbar auf den Bildungsbereich übertragen: Es gibt unzählige Konzepte, Leitlinien und Strategien zur Förderung von Bildung für nachhaltige Entwicklung. Doch in den Schulen ist bislang nur ein Bruchteil davon angekommen. Laut Niko Paech beschränke sich Politik darauf, „die Folgen unserer zerstörerischen Wirtschaftsweise etwas erträglicher zu gestalten“, anstatt sie zu überwinden.
„Dazu zählt, ökologisches (Ersatz-)Engagement erlebbar werden zu lassen, ohne in Konflikt mit den gestiegenen Ansprüchen an Selbstentfaltung zu geraten“.
Von echter Transformation kann also keine Rede sein.
„Ökonomie der Nähe“
Auf den letzten Seiten seines Buches zeigt Paech konkrete Wege auf, wie wir uns aus dem übermäßigen Konsum befreien und die Plünderung der Ressourcen stoppen könnten: durch schöpferische Kreativität, lokale Märkte mit eigenen Währungen, solidarische Gemeinschaften und eine unmittelbare Bedürfnisbefriedigung vor Ort. Eine weniger spezialisierte, dafür regionalere Wertschöpfung schränke jene „betriebswirtschaftlichen Kostenvorteile“ ein, die bislang aus „globalen Produktionsverlagerungen“ entstanden – allerdings nur „auf ökologischem und sozialem Dumping beruhen.“
Paech spricht von Befreiung statt Verzicht, von Gemeinschaft statt Individualismus und von Selbstwirksamkeit als Antwort auf politisches Versagen. Eine Postwachstumsökonomie brauche lebendige Beispiele dafür, dass hohe Lebensqualität und genügsamere Ansprüche vereinbar sind. Wir bräuchten Vorbilder eines Lebens ohne Überfluss, das allmählich gesellschaftliche Akzeptanz findet und zur Norm werden kann.
Weglassen bedeutet den Willen, aufgrund eines inneren Wertekanons Überflüssiges loszulassen oder gar nicht erst anzunehmen. Es bedeutet, sich für ein friedliches, gerechtes Zusammenleben auf unserem Planeten zu entscheiden.
Wer von uns gehört noch zur „konsum- und mobilitätsverwöhnten Masse“ – und wer hat sich längst auf den Weg in ein „plünderungsfreies Glück“ gemacht? Und ist dieser Wechsel tatsächlich jederzeit und überall möglich, wie es uns Niko Paech nahelegt?
Hier geht es zur Leseprobe.
Rezensiert von Anetta Ewa Trojecka. Die Rezensentin sagt: „Niko Paechs Buch ist so aufschluss- und facettenreich, dass jeder Versuch, es zusammenzufassen, scheitert. Unbedingt lesen!“
